Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 15
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horizontale Gliederung, dann die Fenster
und Thüreu, endlich auch der Mauer-
pfeiler oder die Lesine (Lisene), auch
Pilaster genannt, als erster Gegenstand
in den Kreis der Betrachtung.

A. Sockelgesims.

Der Genesis des Baues folgend begin-
nen wir mit dem Sockel. Er hat einen
mehrfachen Zweck; er soll

1) den Fuß oder die breite, sichere
Basis der Umfassungsmauern bilden. Er-
wirb also von der Solidität gefordert, um
so mehr, je größer die auf ihm ruhende
Last wegen der Höhe oder Stärke der
Mauer ist. Das fühlt Jedermann, und
darum verlangt ihn das Auge unwillkür-
lich aus Gründen der Nützlichkeit und
Schönheit.

2) Er dient zur Ausgleichung des un-
gleichen Profils eines nicht ganz ebenen
Bauplatzes, auf daß die eigentliche Um-
fassungsmauer an allen Punktendes Grund-
risses in gleicher Höhe beginnend ansge-
führt werden kann.

3) Er dient ferner dazu, den Boden
des Innern der Kirche in entsprechender
Höhe über der umgebenden Erdsläche be-
hufs größerer Trockenheit des innern Rau-
mes anlegen zu können.

Wenn man Fig. 2 in der vorigen Num-
mer noch einmal betrachtet, so sieht man,
daß der rechtwinklig abschließende Sockel
alle diese Dienste thut, gleichwohl aber
ncid) zwei Richtungen nicht befriedigt. Er
ist zu plump und führt das von der Wand
ablaufende und auf der Ausladung sich
sammelnde Wasser nicht rasch genug ab,
beugt also dem Eindringen desselben in
die horizontale Fuge zwischen Sockel und
Mauerwerk nicht vor. Er ist nur ein
Mauerfnß, wie eine Plinthe oder Platte, die
dem Säulen- oder Pfeiler-Sockel als Basis
dient. Schönheit und praktisches Bedürfniß
fordern also die Einschiebung eines den
Mauerfnß und die Mauer trennenden, von
jenem auf diese überleitenden und das Wasser-
abführenden Gliedes, und dieses Glied ist
das Gesims, in unserem Falle ebendeßhalb
Sockelgesims genannt. Das einfachste
Mittel, dieses Zwischenglied oder Gesims
zu bilden, ist die Abfasung, d. h. das
Wegschneiden der Ecke, so daß die Profil-
linie in einer Schräge besteht, wie im

Sockel der Fig. 3. Jedoch hat sich mit
Ausnahme der Gothik bei ganz einfachen
oder in Backstein ansgeführten Bauten
keine Kunst-Epoche hieraus beschränkt; jede
hat den Sockelgesimsen eine reichere Glie-
derung zu geben sich beflissen. Zur Bil-
dung dieser Glieder benützte man die in
Fig. 1 —18 gegebenen Profilirungs-Ele-
mente, jedoch nicht immer in der strengen
geometrischen Form, sondern meistens in
freier Bildung und mittelst Verbindung
verschiedener Glieder, bald ans der hori-
zontalen, vertikalen und schrägen geraden
Linie, bald aus Theilen der Kreislinie
gebildet. Sache der Erfindungsgabe des
Bankünstlers ist es, durch geistreiche, ge-
schmackvolle Zusammenstellung, Milderung
oder Schärfung der rein geometrischen
Elemente ein schönes Bild zu erzeugen,
immer in den conventionellen Formen des
betreffenden Styls.

Von dem antiken Sockel- oder Fußgesims
haben wir schon in der vorigen Nummer
ein Beispiel in Fig. 19 gegeben, das hier
neben einer zweiten römischen der be-
quemeren Vergleichung halber nochmal eine
Stelle finden mag.

Römische Sockelgesimse.

Fig. 19. Fig. 20.

In beiden Beispielen erkennt man das
Bestreben des weitausladenden Sockels,
in schräger Richtung von der untersten
Platte aus eine formenreiche Verbindung
mit der Umfassungsmauer zu gewinnen.
Die Platte als hauptsächlich tragendes
Glied ist schon in zwei Thcile getheilt
und dadurch in ihrer Derbheit gemildert;
das geschieht durch den aus ihr herans-
profilirten, aber noch gleich weit ausladen-
den Rundstab oder Wulst (Fig. 11). Da-
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