Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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werden, in zwei Reihen, weil die unver-
hältuißmäßige Höhe zur Theilnng in zwei
ungleiche Hälften zwang. In der untern
sind zu beiden Seiten des Schiffs, unmittel-
bar über den Apostelleuchtern Darstellun-
gen aus der Apostelgeschichte, 2 irr hoch
und 1,20 breit, Szenen, welche die Fort-
führung des Werkes Christi im zeitlichen
Anschlüsse an ihn vor Augen stellen. Der
chronologischen Reihenfolge nachgehend
müssen wir aus der Südseite bei der Kan-
zel beginnen. Westlich vom Fenster — den
östlichen Th eil nimmt noch die Kanzel mit
in Anspruch — steht der Herr auf dem
Oelberg, unmittelbar vor der Himmelfahrt,
mitten unter seinen Jüngern. Er hatte
ihnen wiederholt alle seine Gewalt gegeben,
die Wundergabe verheißen, den hl. Geist
versprochen, und sendet sie nun in die
Welt mit den Worten: „Gehet hin in die
ganze Welt und prediget das Evangelium
den Geschöpfen." (Mark. 16, 15). Von
da an beginnt die Gründung der aposto-
lischen Patriarchalkirchen, ihre Verästung
in den hunderten von bischöflichen Sitzen,
in unzählbaren Parochien; auf diesem An-
fang und Fundament ruht die Arbeit der
Mönche des Morgen- und Abendlandes,
ihre Regel und deren hundertfältige Frucht.
Der Maler mußte des beschränkten Rau-
mes wegen die Mittelglieder überspringen
und in Rücksicht auf die Cisterzienserkirche
die zeitlich getrennte, geistig geeinte apo-
stolische Arbeit des Ordens an die der
Apostel reihen. Das geschieht von dem
ersten Joch des Schiffs bis zum letzten
in gleichbleibender Eintheilnng. Zu diesem
Zweck entfalten sich über den Szenen aus
der Apostelgeschichte zwei Arten von Bil-
dern: statuarische mit Heiligen des Cister-
zienserordcus und historische aus der Ge-
schichte von Cisterz und des hl. Bernhard,
letztere, je ein Bild, über dem Hauptge-
sims zwischen den Quergurten in der
untersten Sphäre des Tonnengewölbes. Von
jenen, den statuarischen Figuren, sind in
der ersten Travee zu nennen: links vom
Fenster der selige Stephanus, 0. Ost.,
Kardinal, rechts der heilige Amadeus, Bi-
schof; von diesen, den historischen, die
Gründung von Cisterzium durch den sei.
Robert. Sämmtliche Bilder der letztge-
nannten Gattung sind 3,50 m hoch und
2,50 m breit, von einer, einem Altarauf-

satz ähnlichen Umrahmung umgeben und
füllen mit dieser die ganze Traveenbreite
aus. Die untere Bordüre der Umrahmung
jedes Bildes trägt eine Legende, dem In-
halt, Zweck oder Charakter des Bildes
entsprechend. In diesem ersten, die Ordens-
und Klostergründung schildernden Bilde ist
sie, hinweisend auf die Flucht aus einem
dem Verfall überantworteten Kloster und
die neue Zufluchtstätte, aus einer treffen-
den Stelle des Briefs an die Colosser 1,
13. genommen und lautet: eripuit nos de
potestate tenebrarum et transtulit nos
in regnuni filii dilectionis suae. „Er
hat uns errettet aus der Gewalt der Fin-
sterniß und versetzt in das Reich des Soh-
nes seiner Liebe."

Um Wiederholungen zu vermeiden und
den Gang der Beschreibung dem Gang
durch die Kirche anzupassen, müssen wir
hier noch eines weitern Schmucks Erwäh-
nung thun. Plastischer Schmuck soll auch
in einer Kirche von reicher entwickelter
Architektur nicht fehlen, um so weniger in
der unsrigen, wo die Architektur nur zu
wenig plastisch wirkt. Deßhalb wurden
die Lesinen zur Aufstellung von überlebens-
großen Statuen auf reichen Sockeln unter
reichen Baldachinen benützt, so daß jede
Gruppe der malerischen Bildwerke von
plastischen reichgefaßten Gebilden eingerahmt
ist. An dem Eckpfeiler der Südseite steht
allerdings die Kanzel; aber sie ist mit
ihrer schönen organischen Gliederung und
ihrem reichen Bildschmuck mehr als- eine
Statue geeignet, die beabsichtigte Wirkung
zu erzielen. An der nächsten Lesine, 4,85 m
über dem Boden, steht die Statue des hl.
Kirchenlehrers und Papstes Gregor des
Großen, zugleich als Zierde der nächsten
Travee in Gemeinschaft mit dem Bilde des
hl. Kirchenlehrers und Bischofs Ambrosius
an der zweiten Lesine.

Die Gemäldegruppe der zweiten Tra-
vee der Südseite besteht aus folgenden
Bildern: links vom Fenster: Predigt des
hl. Petrus am Pfingstfeste (Apostelgesch.
2. Kap.), darüber das Bild der hl. Aebtis-
sin Maria, Ord. Ost., rechts die Dar-
stellung der Steinigung des hl. Stephanus
(Apostelgesch. 7. Kap.), darüber die hl.
Theresia, Königin und später Ordens-
schwester, über dem Kranzgesims das er-
greifende Bild: Bernhard erscheint mit
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