Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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alle abwechselndes gothisches Maßwerk
außer einem auf der nördlichen Seite, das
noch den ursprünglichen Rundbogen hat.
Der Chor schließt wie die meisten Cister-
zienserkirchen im Vierecke geradelinig ab,
die 3 Fenster sind schlank, hoch und ha-
ben gothisches Maßwerk. Der fetzige go-
thische Bau des Schiffes ist unter der
energischen Abtissin Frau Veronika von
Riedtheim 1319 erbaut und gewölbt wor-
den, der Chor wurde erst unter der Ab-
tissin Frau Marianna von Holzinger a.
1699 erhöht und gewölbt. Die Gewölbe
sind Kreuzgewölbe, die Rippen ruhen auf
■— von Menschen- oder Thiergestalten ge-
zierten Consolen. Sieht man den Bau
näher an, so wurde er offenbar aus den
Grundmauern und den Pfeilern der frü-
heren romanischen Kirche aufgebant —
oder wie es in den Urkunden heißt „erhöht
und gewölbt". Darauf deuten auch das
noch vorhandene romanische Fenster, sowie
die romanischen Dachfriese auf der nörd-
lichen Seite. Die Kirche hat schöne Ver-
hältnisse und eine beträchtliche Höhe, macht
darum einen erhebenden Eindruck. Sie
war ursprünglich gemalt; man sieht z. B.
die Fassung des Gewölbes im Schiffe noch
durch den Weißet hindurch schimmern. Für
die bald nothwendig werdende Reparatur
ist es sehr zu wünschen, daß an eine stvl-
gerechte Bemalung gedacht werde.

Der Jnnbau ist mitunter nicht weniger
interessant. In erster Reihe gilt dies von
bent Mittelfenster des Chores. Ursprüng-
lich waren alle 3 Fenster bemalt, 2 sind
zu Grunde gegangen, das mittlere blieb
bis heute erhalten. Nach einer Inschrift
in dem Fenster selbst ward es unter der
Frau Elzebet van Stoffele — 1307—1312
eingesetzt und später 1319, als die Kirche
gothisirt wurde, wohl von demselben Glas-
maler mit reichen Baldachinen, Fialen und
dem Maßwerke abgeschlossen. Es ist vier-
theilig und hat in 5 durch eiserne Sturm-
stangen getrennten Feldern 20 Heiligen-
figuren, 4 Felder sind mit niederen go-
thischen Giebelchen bekrönt, das oberste mit
seinen 4 Heiligen zieren die genannten
pyramidalen Baldachine. Das Fenster ist
für die Geschichte der Glasmalerei von
Wichtigkeit. Im Jahre 1871 ließ die
königl. Finanzkammer das beschädigte Fen-
ster durch Hofglasmaler Wilhelm in Stutt-

gart mit einem Aufwand von 800 fl. re-
stauriren. —

Der Hochaltar ist ein stylloses Gestell
für Reliquienbehälter u. a., in dessen
Mitte sich ein ganz ordinärer Drehtaber-
nakel befindet. Mit der Zeit sollte er durch
einen gothischen Tabernakelbau ersetzt wer-
den. Die 6 Seitenaltäre sind ebensoviel
Zierden der Kirche. Sie sind im Style
der deutschen Renaissance im 16. und an-
fangs des 17. Jahrhunderts rein und kunst-
gerecht gebaut und mit Reliefs, Skulp-
turen und Gemälden reich verziert und
stehen an den 6 Pfeilern des Schisses,
je 3 auf einer Seite. Je zwei einander
gegenüberstehende sind einander ähnlich,
sonst haben sie durchaus abweichende For-
men. Zwei waren Flügelaltäre. Die
Flügel sind nicht mehr vorhanden. In 4
Aufsätzen sind Reliefs, in den zwei an-
dern Gemälde. Eines dieser Gemälde trägt
das Monogramm M. S. M. Z. V. —
Martin Schaffner Maler zu Ulm. — Es
ist auf Holz gemalt, stellt die heiligen drei
Könige dar, ist gut erhalten und werth-
voll. Die Originalität soll ernstlich noch
nicht bestritten worden sein. Die Pre-
dellen aller Altärchen sind recht hübsch
bemalt. Die Fassung ist noch die ur-
sprüngliche. Es läßt sich leicht denken,
daß die Altäre, um vor dem Zerfall
bewahrt zu bleiben, eine recht baldige
Reparatur brauchen. Leider wurden sie
zur Zopfzeit durch Einsetzen von unförm-
lichen Schränken mit hl. Leiber unter den
Predellen sehr verunstaltet. Gleichwohl
läßt sich nach meinem Dafürhalten, da das
Volk die hl. Leibern nicht wird entfernen
lassen wollen, eine kunstgerechte Renovation
vornehmen, und zwar ohne zu große Un-
kosten. Die fehlenden Theilchen an den
Altären selbst lassen sich leicht nach vor-
handenen Muster nachschneiden, viele liegen
noch auf den Altären selbst herum, oder-
hängen noch lose an denselben. Werden
diese Altäre ergänzt und in ihrer ursprüng-
lichen Fassung hergestellt, dann sind sie
eine große Zierde der Kirche, wenn sie
auch ihrem Baustyle nicht entsprechen.
Entfernen kann man sie nicht, da die
kleine Gemeinde neue Altäre nicht er-
schwingen könnte. Hier heißt es, das gute
Alte behalten und kunstgerecht Herstellen.

Sehr beachtenswerth ist ferner die Brü-
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