Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 23
DOI Heft: 10.11588/diglit.15861.10
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15861.13
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15861.14
DOI Seite: 10.11588/diglit.15861#0027
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1885/0027
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
23

stung der Empore aus Steiumaßwerk mit
dem Wappen der „Abtissin des Gozhaus
Veronika v. Riedlheim". Die ganz stei-
nerne Brüstung hat ebenfalls noch die ur-
sprüngliche Bemalung aus dem 14. Jahr-
hundert.

Endlich möchte ich noch auf-die Chor-
stühle im Chor der Klosterfrauen, jetzt
für den protestantischen Gottesdienst ein-
gerichtet — aufmerksam machen. Sie sind
von „Kunstschreiner Martin Zav aus
Riedlingen 1533" gemacht. Die Docken
sind mit Figuren, ähnlich denen in Ulm,
die Seitentheile der einzelnen Sitze mit
Thiergestalten aller Art reich verziert. Das
ganze Chorgestühl ist schön und einfach.
Riedlingen soll im 15. und 16. Jahrhun-
dert mehrere Künstlersamilien gehabt ha-
ben. Der Kreuzgang ist ein großartig an-
gelegter gothischer Bau, reich geschmückt
mit Grabmonnmenten, alten und späteren
Wandgemälden, zum Theil übertüncht, zum
Theil noch gut erhalten, und Abbildungen
der 39 Äbtissinnen mit kurzen oder längeren
Lebensabrissen in Knittelversen vom vo-
rigen Jahrhundert. Die Königl. Finanz-
kammer hat die schadhaften Theile restau-
riren lassen. Sehr zu wünschen wäre es,
daß auch der Theil, der als Remise für
das Bräuhaus benützt wird, frei gelassen
würde. Es befinden sich iu demselben
noch ziemlich gut erhaltene Fresken. —
Ein Besuch der Kirche in Heiligkreuzthal
lohnt sich. — _ Jäggle.

Ueber die Bedeutung der alten
Wandmalereien für die Gegenwart.

Von allen Seiten mehren sich die Nach-
richten, daß alte, monumentale Malereien
ausgedeckt werden. Wie erfreulich diese
Erscheinung an sich ist, so möchte man
doch oft fast wünschen, daß dem Eifer im
Suchen nach diesen großen Schätzen etwas
Einhalt gethan werde, bis bessere Erkenut-
niß und tieferes Erfassen der Kunst ihm
ebenbürtig zur Seite stehen. Doch sind
Ausbesserungen an den Kirchenwänden
wegen Zerklüftungen, Ablösen und Auf-
blähen des Bewurfes oder der letzten
Tünche u. dergl. nicht selten nothwendig
geboten, man kann ihnen nicht mehr aus-
weichen, es muß etwas gescheheu. In
solchen Fällen gilt es wohl vor anderem

die betreffenden Flächen genauer zu unter-
suchen, ob sie nicht etwa einst auch bemalt
waren. Denn nimmt man aus einen all-
fälligen alten Gemäldeschmuck nicht Rück-
sicht, so kann bei der geringsten und ober-
flächlichsten Ausbesserung durch die gewöhn-
lich rohe Hand des Maurers den unter
der Tünche liegenden Bildern ein großer
Schaden zugesügt werden. Wir vermuthen
dies nicht etwa nur so, sondern sprechen
es auf vieljährige sehr traurige Erfahrun-
gen gestützt, hiemit mit Sicherheit aus.
Indem es aber wenige Kirchen aus dem
Mittelalter gibt, die nicht irgendwie be-
malt wurden, wie die neuesten Forschungen
zur Genüge bezeugen, so dürfte nach un-
serer Ansicht keine zur Bloßlegung alter
Wandbilder gebotene Gelegenheit unter-
lassen werden, um diese vor weiterem Bar-
barismus zu bewahren. Bei sorgfältigem
Beklopfen der Wände vermittelst eines
hölzernen Hammers oder Aufkleben von
Linnenstücken, um dann bei deren Los-
trennung die Tünchschichte mitzureißen, kom-
men nicht selten die alten Bilder in einem
ganz brauchbaren Zustande an's Tageslicht
und bilden eine ehrwürdige Kirchenzierde.
Ein Mißstaud ist es allerdings, wenn die
Heiligenfiguren zerrissen oder doch scheckig
aussehen. Da wird dem Volke gegenüber
und hinsichtlich des gebotenen Anstandes
für ein Gotteshaus eine Nachhilfe, Er-
gänzung und selbst Uebermalung einzelner
Stellen eine unausbleibliche Folge bleiben.
Aber wie! sollten wir solchen Erfordernissen
mit unserer Knusttechnik und dem Kuust-
verständniß wirklich im Großen und All-
gemeinen ganz ohnmächtig gegenüber stehen?
Sollten sich nicht wenigstens einzelne ge-
übtere Hände finden lassen, die Probe zu
bestehen und ein altes Wandbild in be-
friedigender Weise nach seinem Charakter
zu ergänzen und auszubessern? Vorsicht
in einem höheren Grade wird hierin ge-
wiß nöthig sein. Doch gibt es wenigstens
einzelne Kunstfreunde, die im Stande
wären, unsere leider meist modern akade-
demisch gebildeten Maler zu überwachen
und zu leiten. Wir meinen, man soll ein
blosgelegtes alles Wandgemälde, selbst
wenn es durch den Spitzhammer arg zu-
gerichtet erscheint, wieder herzustellen suchen,
indem zuerst die intakt gebliebenen Stellen
ins Auge gefaßt werden und erst nachdem
loading ...