Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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Szenen aus dem Leben Mariens fort oder
treten theilweise jene aus ihren frühe-
ren Jugendjahren auf, wie 19) Joachims
Opfer und Traumgesicht in der Wüste;
20) feine Begegnung mit Anna an der
goldenen Tempelpforte; 21) Mariens Ge-
burt; 22) deren Vermählung; 23) ein
Votivbild des Stifters und Erbauers der
Kirche: Sigmund von Niederthor,
um Nachkommenschaft flehend; 24) der
bethlehemitische Kindermord; 25) die Be-
schneidnng; 26) Anbetung Jesu in der
Krippe von Seite Mariens; 27) Auf-
opferung im Tempel; 28) Maria breitet
den Schutzmantel über die bedrängte Chri-
stenheit aus, eine Stiftung der Her-
ren von Egen, noch heute Besitzer in
Terlan; 29) vier Gruppen psallirender
Engel am Gewölbe; ferner 30) ebenda-
selbst die vier Evangelisten mit Inhalts-
angabe ihrer Evangelien; 31) Johannes
der Täufer und gegenüber seine Mutter
Elisabeth; 32) Mariahilf und Christus
als Ecce homo, umgeben von den Lei-
denswerkzeugen; 33) die vier lateinischen
Kirchenväter. Ein Feld wurde unbemalt
gefunden und dasselbe schmückt das letzte
Gericht nach einer alten Miniatur, ver-
öffentlicht von Prof. Klein. Die Terlaner
Kirche hat auch ein Nebenschisf, wie dies
in Tyrol öfter vorkommt, und dessen Chör-
chen schmückt: 34) der Tod des heiligen
Alexius; 35) am Gewölbe erscheinen
die Kirchenväter und Evangelisten, und den
übrigen Raum an der Wand beleben ver-
schiedene heilige Bischöfe. Der Maler
des Schiffes mit seinen prachtvollen Bor-
düren als Umrahmung der Bilder und
Begleitung der kräftigen Rippen des Kreuz-
gewölbes ist laut Inschrift bekannt; sie
heißt: hanch pichturam fecit fieri syg-
mund de Nidei'thoei' et uxor sua Mar-
garetha de vilanders pro omnbs. eor.
eredib. factum est hoch opus in die
sanch johannes baptista. hanch pich-
turam fecit anno dni. MCCCCVII. hans
stocinger pichtor de bosano (Bozen).
Die Bilder des Chores sind älter und
reichen nach ihrer großartigeren Komposition,
ihren noch gravirten und vergoldeten Klei-
dersäumen zweifelsohne ins 14. Jahrhun-
dert zurück. Dahiu gehören auch die obeu
übersehenen Figuren auf deu dunkelblauen,
reich bestirnten Gewölbekappen, als: der

segnende Christus mit dem Evangelienbnch
in einer regenbogenfarbigen Mandorla
mit der großartigen Darstellung der Evan-
gelistenzeichen in den nächst anliegen-
den Feldern. Dunkelblau ist auch der
Hintergrund im Schiffe, an den Wän-
den, wie am Gewölbe. Alle größeren
Sterne haben auch rothe Strahlen zwischen
den goldenen, was sich sehr gut macht.
Hinsichtlich der seltener vorkommenden
Darstellungen glauben wir besonders an-
führen zu können: Die Rückkehr ans
Aegypten und den Einzug in Nazareth,
sowie das nächste Bild daran, wo Anna
als Großmutter die Stelle einer Kinds-
magd vertritt; denn die Zimmermanns-
werkstätte als Szene für das Stillleben
in Nazareth scheint erst der neuen Kunst
anzngehören. Bei der Flucht nach Aegyp-
ten biegen die Palmen ihre Aeste, JesnS
segnet die Frucht und Maria pflückt sie.
Bei der Auffindung im Tempel erscheint
Jesus nicht als Schüler unter den
Schriftgelehrten, sondern auf einem Throne
sitzend lehrt er, seine Jugendgenosfen
und Freunde nämlich, welche, wie die Le-
gende ausdrücklich bemerkt, mit ihm nach
Jerusalem gekommen waren. Die apoka-
lyptische Madonna hält das Kind in
den Armen, ohne Zweifel um das Wort
mulier näher auszudrücken. Sie steht
ans der ganzen Mondeskugel, aber deren
obere Hälfte ist beleuchtet; hinter dem
Rücken der edlen Frauengestalt breitet
sich eine große, reich umstrahlte Sonnen-
scheibe ans, während 12 Sterne die Krone
der hl. Jungfrau umgeben. Die Technik
ist bei allen Gemälden eine und dieselbe,
nämlich eine tüchtige Temperamalerei mit
einem fetten Bindeinittel, denn bei einem
feinen Reiben mit dem Fingernagel ent-
steht ein Glanz. Aus diesem Grunde
und um der vorherrschenden Feuchtigkeit
zu begegnen, wurde bei den Restaurationen
Wachs angewendet, vermischt mit etwas Oel.

Wie sehr die Wiederherstellung des
Innern der Terlaner Kirche nach alter,
ursprünglicher Weise Anklang findet, be-
weist unter anderem der Umstand, daß es
wenige Tage im Jahre sind, wo sie nicht
von Fremden besucht wird.

T e r l a n (Südtyrol). A tz.
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