Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 47
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nach ahmbare; ihre Kompositionsgesetze sind
fest und kurz; sie arbeitet nicht blos nach
künstlerischen Motiven und Gesichtspunk-
ten, sondern strebt vor allem nach bün-
diger und kräftiger Aussprache ihrer Ge-
danken. Diese Kunstsprache kann daher
eigentlich erlernt werden, und ein halbwegs
begabter Künstler wird sie bald fließend
sprechen können, wenn auch nicht mit der
Fertigkeit der größten Meister dieser Schule.
Hier sind Kompositionen und Motive zu
finden, die ohne weiteres einfach herüber-
genommen werden können; auch die hohen
geistigen Schönheiten sind reproduzirbar,
welche diese Schule in wenigen charakteri-
stischen Linien ans das Antlitz zu zaubern
versteht.

Das ist der Hauptgrund, der dazu be-
wegen muß, diese Schule gerade als Mu-
sterschule aufzustellen. Sie empfiehlt sich
vor andern italienischen und vor deutschen
Schulen, deren Nachahmung nur mit Re-
serven anempfohlen werden könnte; sie
empfiehlt sich vor den künstlerisch reicher
entwickelten Schulen der Renaissance, weil
diese nicht nachahmbar sind für gewöhn-
liche Künstler. Man vergesse nie, daß die
Nachahmung Raphael's, Michelangelos,
Murillo's in der Zopfzeit die Kirchen-
wände mit jenen Schauerbildern ausgestat-
tet hat, welche Karrikatnren berühmter
Kompositionen sind. Raphaels Formvollen-
dung kann Niemand nachahmen, als wen
etwas Congeniales mit ihm verbindet. Allen
jenen späteren großen Meistern eignet eine
gewisse Einzigkeit, welche auch die bevor-
zugtesten Schüler sich nicht anzueignen
vermochten. Sie stehen an einer Grenze,
über welche um keine Linie hinausgegangen
werden darf, über welche der inferiore
Nachfolger plump hinüberstolpern wird.

Ein Hauptpunkt ist aber auch, daß die
Schule Giotto-Fiesole vom besten religiösen
Geist beseelt ist und das religiöse Prinzip zu-
gleich mit dem künstlerischen auf's strengste
sesthält. In keinem Bild der Schule er-
scheint der religiöse Charakter irgendwie
in Frage gestellt, jede Komposition ist gehal-
ten von dem markigen, kraftvollen Glauben,
der jene Zeiten auszeichnet.

Die Vereinigung so wesentlicher Vor-
züge in Einer Schule wird die Ernennung
derselben zur Musterschule gewiß rechtfer-
tigen. Nun ist nur noch anzufügen, daß

von einer Mnsterschule nicht in dem Sinn
geredet wird, als müßten mechanisch die
Leistungen derselben reproduzirt werden.
Das wäre der Tod der Kunst und würde
sie zum Handwerk degradiren. Wir meinen
vielmehr, daß der Künstler, welcher sich
für die monumentale Malerei ausbilden
will, durch Studium dieser Schule sich
über Wesen, Ziele und Zwecke dieses be-
sonderen Zweiges kirchlicher Kunst orien-
tiren sollte, daß er hier die Anreihung von
Cyklen heiliger Gegenstände und ihre Ver-
theilung auf die Mauerfläche der Kirche
lerne, daß er hier sich in der Auffassung
heiliger Namen belehren lasse und leitende
Ideen hole, daß er im Großen und Gan-
zen die formelle Durchführung einhalte,
die in dieser Schule üblich ist, mit ihrer
beschränkten Perspektive und ihrer Ein-
fachheit der Linien. Für die Freiheit bleibt
bei solcher Nachahmung noch Spielraum
genug. Nicht Beschränkung der Freiheit
wird die Folge dieses Anschlusses sein,
sondern das frohe Bewußtsein, festen Bo-
den gewonnen zu haben, auf welchem nun
mit ganzer Lust und Freude gearbeitet
werden kann.

Es ist aber klar, daß theoretisches Ver-
ständnis; dieser Schule unumgänglich noth-
wendig ist, soll man praktisch von ihr
lernen können. Zu solchem Verständnis;
möchten wir eine kleine Anleitung geben,
die nicht in wissenschaftlicher Tendenz und
Methode, sondern lediglich zu dem genann-
ten Zweck in aller Kürze den Hauptcharakter
der Schule und ihrer hervorragenden Werke
zur Darstellung bringen und möglichst
klar den Lehrgehalt derselben Herausstellen
wird. Wir schmeicheln uns, hiemit zu-
gleich für italienische Reisen manchen nütz-
lichen Wink, wie andererseits manchem
Leser und früheren Zuhörer eine kleine
Erinnerung an die 1880 gehaltene Vor-
lesung über obige Schule bieten zu kön-
nen. Zum vollen Verständniß wäre frei-
lich nöthig, daß man entweder die Haupt-
werke an Ort und Stelle sehe, oder wenig-
stens Abbildungen zur Hand nehme. Als
wohlfeilster Nothbehels können die „Kunst-
historischen Bilderbogen" von Seemann in
Leipzig empfohlen werden, in welchen die
Eliche's der meisten illustrirten knnstge-
schichtlichen Werke verwendet sind.

(Fortsetzung folgt.)
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