Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 48
DOI Heft: 10.11588/diglit.15861.27
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15861.30
DOI Seite: 10.11588/diglit.15861#0052
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1885/0052
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
o

— 48 —

Restauration und malerischer
Schmuck des Domes zu Eichstätt.

Seit Jahresfrist arbeiten kunstfertige
Hände daran, dem Dome des hl. Willi-
bald wiederum die Stylreinheit und den
reichen Farbenschmnck zu geben, die ihn
vor Jahrhunderten ausgezeichnet haben.
Bereits sind die Haupttheile des Pres-
byteriums, Hochaltar, Glasfenster und
malerische Dekoration vollendet und ver-
dienen, da ihr bleibender, künstlerischer
Werth keinem Bedenken unterliegt, im
Kunstarchiv erwähnt zu werden.

Das Bedürfniß einer durchgreifenden
Restauration des Domes wurde von den
Bischöfen Eichstätt's schon lange und tief
gefühlt, allein die Ungunst der Zeiten und
der Mangel an Mittel erlaubten es nicht,
an die Ausführung zu schreiten. Ein
schwacher Versuch wurde vom Bischof Karl
August, Graf von Reisach, dem späteren
Kardinal, gemacht, um den Dom zur Feier
des 1100jährigen Bischofsjubiläums des
hl. Willibald im Jahre 1845 in einen
möglichst würdigen Stand zu setzen. Es
konnte jedoch nur den größten Uebelstän-
den abgeholsen und mußte das eigentliche
Restaurationswerk den Nachfolgern über-
lassen werden. Der kunstsinnige Bischof
Franz Leopold, Freiherr von Leonrod,
unternahm das große Werk im Vertrauen
auf Gottes Hilfe und auf den bewährten
Opfersinn seiner Diözesanen. Ein neues
Jubiläum 1881 zur Erinnerung an den
1100jährigen Todestag des hl. Willibald
gab dem längst gehegten und gepflegten
Restaurationsgedanken Gestalt und Leben.
„Die Feier des Todestages unsers Diö-"
„zesanpatrons soll der Beginn der Auf-"
„erstehung und des neuen Lebens seiner"
„Kathedrale sein," so lautete das Schluß-
wort seines begeisternden Hirtenschreibens,
welches die Jubelfeier ankündigte und die
Diözesanen anregte, auch in schweren Zeiten
nach dem Maße ihrer Liebe und Dank-
barkeit zum großen Restaurationswerke bei-
zusteuern. Das bischöfliche Wort fand
guten Boden, und die kleine und arme
Diözese, die so reichlich gibt, fand auch
noch eine Gabe für ihren Dom. Das
Konnte des Domrestaurationsvereins, an
dessen Spitze der in weiten Kreisen rühm-
lichst bekannte Professor und Domdekan

Or. Valentin Thalhofer steht, verzeichnete
im Henrigen, dem 4. Rechenschaftsberichte,
die namhafte Summe von 47 000 Mark
für Restaurationsarbeiten und einen Baar-
kassenbestand von 37 000 Mark.

Ehe wir an die Besprechung des re-
staurirten Presbyteriums gehen, wollen
wir einen Ueberblick über den Bau des
Domes, soweit er zum Verständniß der
Restaurationsarbeiten nothwendig ist, vor-
ausschicken.

Betritt man den Dom durch die archi-
tektonisch gegliederte und figurenreiche Vor-
halle des Portales auf der Nordseite, das
zugleich das Hauptportal ist, so öffnet sich
eine einfache, aber lustige und schwung-
volle Hallenkirche mit drei Schissen von
gleicher Höhe und zwei Säulenreihen mit je
7 Pfeilern, wovon 5 auf das Längen- und
2 auf das Querschiff entfallen, mit dem
Wechsel von runden und sechseckigen Pfei-
lern, welche äußerst schlank nach oben
treiben und ein regelrechtes Kreuzgewölbe
tragen, dessen Gurten ohne Kapitals-Ver-
mittlung dem Sänlenschaft entsteigen. Die
Streben sind nach Innen gezogen und
zum Kapellenbau benützt, dessen Gewölbe
gleich hoch mit dem der Schiffe ist. Der
ganze Bau des Schisses und Qnerschifses,
in dem der Unterchor liegt, ist sehr ein-
fach und entbehrt aller Detailbildnng.
Seine Länge (mit Querschiff) beträgt 51 m,
seine Breite 24 m und mit den Kapellen
30 m bei einer Höhe von 18 m. Das
Kreuzschiff tritt auf der Nordseite nicht
über die Linie des Hauptschiffes vor und
aus der Südseite nur um 2 m, um den
Ausgang in den herrlichen Kreuzgang zu
ermöglichen. An das Kirchenschiff, das
1397 vollendet wurde, reiht sich im Osten
und Westen je ein um einige Stufen er-
höhter Chor an. Im Westen der soge-
nannte Willibaldschor mit dem Grabmal
des hl. Bisckofes, ein Viereckbau 15 m
lang und 10 m breit, mit Pfeilerbündeln,
Blätterkapitälen, Kreuz- und Quergurten
und Rundbogenfenster 1269 vollendet, da-
mals wahrscheinlich mit einem Polygonen
Abschluß, den.Bischof Wilhelm von Ste-
chenau 1471 abgebrochen, um noch einen
Gewölbebogen von 5 m Tiefe anznsetzen,
der wahrscheinlich geradlinig abschloß. Das
gegenwärtige große Rokokoportal wurde
1745 gebaut, um die Domfayade mit der
loading ...