Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 49
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anstoßenden Residenz in Harmonie zu brin-
gen. Der Willibaldschor ist durch einen
romanischen Triumphbogen, der als Käm-
pser Platte und Schmiege zeigt, mit dem
Kirchenschiff verbunden.

Der Ostchor, mit welchem die Restau-
ration begonnen, 24 m lang und 10 m
breit bei einer Höhe von 16 m schließt
dreiseitig aus dem Achteck ab mit fünf
Fenstern — deren jedes 10 m hoch und
2 m breit ist — denen sich aus der Süd-
seite noch ein sechstes Fenster von gleicher
Größe anreiht, während aus der Nord-
seite in Folge des Sakristeianbaues gleich
nach dem Polygonfenster die Chorwaud
beginnt und 16 m lang gegen den Tri-
umphbogen sich hinzieht. Ein Kreuzge-
wölbe , dessen Gurten ohne Vermittlung
den Seitenwänden entsteigen, breitet sich
ebenmäßig aus und bildet im Polygon
eine reizende Ueberdachung über den Hoch-
altar. Zwei romanische Thürme, deren
Dreiecksaufsatz mit Blenden jedoch erst
um 1500 gebaut wurde, slankiren den
Ostchor. Außer diesen Thürmen und dem
obengenannten romanischen Triumphbogen
erinnern auch noch die Untertheile des
Querschiffes an die einstige im 11. Jahr-
hundert gebaute dreischissige Pfeilerbasilika.
Der ganze Bau, Gurten, Bogen und
Säulen ausgenommen, ist aus Bruchstein
erbaut und mit Mörtelwurf mitunter ziem-
lich uneben bekleidet.

Im Juni 1883 begann das Restau-
rationswerk im Ostchor mit der Einsetzung
eines Steinmaßwerkes in die 6 Chorsen-
ster, die bisher nur eisernes Stabwerk
trugen. Kelheimer Steinmetzen führten
nach den Entwürfen des Herrn Brand-
inspektors Beischlag die Arbeit nach jeder
Seite exakt und gründlich aus. Einer wei-
teren baulichen Restauration bedurfte der
Ostchor nicht. Aber in seinen durch seine
Proportion der Bauglieder und schöne
Bogenbildung so herrlichen Räumen erhob
sich ein großer Rokokoaltar aus Marmor,
der aus 4 Säulen und zwei in die Rück-
wand eingebauten'Pilastern seine gewal-
tigen hölzernen Gesimse bis zu den Ge-
wölbegurten emportrug und in seinen aus-
gedehnten Dimensionen die drei mittleren
Chorsenster größtentheils verdeckte. So
wirkte er nicht allein ungemein drückend
aus das Chorgewölbe. dessen schöne und

imposante Höhenwirkung nicht zur Gel-
tung kommen konnte, sondern auch der
Art dominirend aus die ganze Kirche, daß
sein Verbleiben alle einheitlichen Restau-
rationsbestrebungen vernichtet hätte. Deß-
halb mußte an seine Entfernung gedacht
werden, so nahe es auch der Pietät gieng
und so technisch vollendet auch seine Durch-
bildung erscheinen mochte. Es gelang, ihn
an die Stadtpsarrkirche von Deggendorf
zu verkaufen, mit deren Stil und Größe
er vortrefflich harmonirt.

Diese Entfernung des immerhin kost-
baren Altarwerkes konnte um so freudiger
begrüßt werden, als die Frage, was an
seine Stelle treten sollte, schon zum Vor-
aus in gelungenster Weise gelöst war.
Der alte prachtvolle Hochaltar, der 300
Jahre lang den Ostchor schmückte, war
noch in seinem ganzen Bildwerk vorhan-
den, an der Südwand des Querschiffes
aufgestellt, und seine Wiederherstellung in
neuer stilgemäßer Umrahmung hatte zu-
gleich das Verdienst für sich, den trau-
rigen, wenn auch nicht unerklärlichen Feh-
ler wieder gut zu machen, den die Vor-
fahren, angeweht vom kalten Geist des
Philosophenthums, begangen hatten. Die
Ausgabe löste Herr Beischlag durch
einen stilgerechten, dem Chorabschluß ganz
harmonischen Entwurf; da die Herstellung
des Hochaltars in kürzester Zeit dringend
gewünscht wurde, wanderte sein Entwurf
in das Atelier von Stärk und Leugen-
selder in Nürnberg, umseine Detail-
vollendnng und kunstgerechte Durchführung
und Fassung zu erfahren.

Der Altar erhebt sich auf einem 4,26 m
breiten und 1,73 tiefen Steinbau aus
Quadern, der mit der mensa (3,46 breit
und 0,70 tief) verbunden ist, mit einer
Predella, 1,68 hoch und in ihrer Aus-
ladung 4,78 breit, ans welcher der Schrein
— 3,35 hoch, 0,94 tief — mit zwei
Flügelthüren ruht. Eine dreifache, reich ge-
gliederte Baldachinkrönung vollendet das
Ganze. Das gesammte Bildwerk des
Schreines, fünf volle Figuren und der
Flügel, acht Relief, gehört dem alten Al-
täre an, dessen Errichtung in die Zeit von
1480—1500 fällt. Die beiden Flügel an
dem neuen Altar sind etwas schmäler als
der Mittelschrein und lassen bei ihrem Ver-
schlüsse ans jeder Seite eine 0,56 cm
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