Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 52
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ruhig auf dcu Zweigen, abwechselnd bald nach
innen, bald nach außen gekehrt, dann aber den
andern gleich mit nmgewendetem Kopfe; dort
picken sie abermals im Wechsel bald an den
Eicheln, bald ain Stamme. Nur die Einfassung
der Bordüren ist in Form und Farbe gleich. Es
sind vollgiltige Muster in wechselvoller und doch
so einheitlicher Behandlung, nicht weniger aber
auch in der Farbenstimmnng und der Ver-
bleiung, welche überall der streng stylisirten
Zeichnung folgt. Da die Bordüren 48 cm
breit sind, so sind sie für unmittelbare Nach-
ahmung, einfach für schmale, oder verdoppelt
für breitere, durch Pfosten oder Eisenstab ge-
lheilte Fenster wie geschaffen. Referent hat von
den Mustern des 1. Heftes für die fünf ziemlich
großen, zwei- und dreigetheilten Fenster einer
alten gothischen Kapelle mit großem Erfolg den
gleichen Gebrauch gemacht. Im Styl und Cha-
rakter der Zeichllung, in der Stimmung der Far-
ben, der Verbleiung und deren Wirkung ist das
Fenster, wie das Bordürenpaar Taf. 10 gleich
ausgezeichnet. Im Mittelfeld steigt auf rothcm
Grund ein streng stylisirter Baum auf: darauf
sitzt zwanglos, gegen unten gerückt, ein Medaillon
mit den Bildnissen der beiden Apostelfürsten.
Was in den bisher besprochenen Tafeln noch
ganz besonders hervorgehoben und zum Studium
und zur Nachahnumg empfohlen zu werden ver-
dient, das ist der architektonische Charakter des
Ornaments, dessen Abgang in den neueren Pro-
dukten der Glasmalerei so schmerzlich vermißt
ivird und welcher in Verbindung mit dem gleichen
Charakter der sigurativcn Darstellungen den un-
angenehmen Kontrast mit dem Werke der Archi-
tektur erzeugt. — Taf. 11 gibt ein Kabinetstück
in halber natürlicher Größe. Der hl. Hierony-
nins empfiehlt seinen Schützling, den Theologen
und Rechtsgelehrten Hieronymus Winkelhofer,
einen gebornen Ehinger, der Himmelskönigin und
ihrem göttlichen Kinde. Es ist ans dem Anfang
des iti. Jahrhunderts, noch gothisch, doch mit
Anklängen der hereinbrechenden neuen Zeit. In
Taf. 12 kommt dieselbe in der Darstellung schon
ganz zur Geltung. Sie gibt ein Fenster ans
dem Schiff von St. Peter in Köln mit dem Bilde
des hl. Evergislus, Bischofs von Köln, Einzel-
figur, inschriftlich aus dem Jahre 1530. Doch
ist die Technik noch die des 15. Jahrhunderts,
die Komposition der Figur trefflich, die Far-
benstimmung fein. Der ornamentale Theil ist
stylistisch und gegenständlich von der neuen Zeit
schon sehr angehaucht, auch die Perspektive macht
sich geltend. Abgesehen hievon dürfte es in Kom-
position der Figur und Farbenstimmung als Vor-
bild dienen, wie man heutzutage gegebenen Falls
Kirchen neuerer Stylarten zu behandeln hätte.
— Das 19. Jahrhundert hat in der Glasmalerei
Großes geleistet; denn es hat die verloren ge-
gangene Technik wiedergefunden und ist darin
Schritt für Schritt vorwärts gedrungen. Aber
die moderne Malerei hat das Spiel verdorben.
Viele Kirchen sind mit Glasgemälden aus gestat-
tet worden, in nicht wenigen sind sie das Geld
nicht werth, das man dafür ausgegeben hat.
Wenn wir nicht irren, stehen wir technisch und

stylistisch an einem Wendepunkt, der einen guten
Schritt vorwärts bedeutet. Man steht nicht mehr
vor der Wahl, entweder armseliges Tafelglas zu
wählen, oder große, oft unerschwingliche Summen
für Kathedralglas auszngeben. Es wird jetzt in
Deutschland fast so billig hergestellt, als früher
das Tafelglas, roth ausgenommen. Kein Zwei-
fel, die Ausstattung der Kirchen mit Glasmale-
reien wird in nächster Zukunft noch allgemeiner
werden. Es wäre aber zu bejammern, wenn
das geschehen würde, ohne sich dabei des neuen
Fortschritts und seiner finanziellen und technischen
Vortheile zu versichern, noch mehr, wenn man
immer wieder zu den Staffeleibildern greifen und
damit den Charakter des architektonischen Orna-
ments verletzen würde. Zn allermeist ruht die Ent-
scheidung in der Hand der Geistlichkeit. Denn die
Kirchen sind die Hauptbesteller in diesem Kunst-
zweig. Wir möchten daher dieselbe recht dringend,
ja inständig bitten, doch einmal die rechten Mu-
ster anzusehen, zu studiren und damit im Gegen-
satz zu den modernen Schöpfungen schätzen zu
lernen. Hier ist Gelegenheit geboten, zu lernen,
nicht aber an leider nur zu nieten der neuen
Produkte der modernen Glasmalerei. Wenn man
diese allein als Vorbild betrachtet, kann man
keine Wahl treffen ohne Furcht, sehr ernstliche,
kostspielige, die Gerechtigkeit gegen kirchliches Ver-
mögen verletzende Fehltritte zu thun. Wir em-
pfehlen daher aus innerster Ueberzeugnng und in
der Absicht, dem Klerus die Ehre zu wahren,
die ächte Glasmalerei zu fördern, das besprochene
Werk in der eindringlichsten Weise. Keinesfalls
sollten sich die Kapitels- oder Gesellschafts-Biblio-
theken der Pflicht entziehen, dasselbe zu besitzen
und so jedem Kapitularen oder Gesellfchaftsmit-
glied die Möglichkeit der Einsichtnahme zu ver-
schaffen. Auch die Stickkunst kann aus dem Stu-
dium Nutzen ziehen sowohl in Bezug auf die
stylgerechte Behandlung, als die Wahl der Farben,
und glückliche Zusammenstellung derselben. Dem
Herausgeber und Verleger gebührt für ihre Lei-
stung der wohlverdiente Dank. Mögen sie rasch
voranschreiten, damit wir bald das vollendete
Werk schauen. Schwarz.

Aelch-^nschrift betreffend.

Die mir auf meine Anfrage gewordene Ant-
wort S. 32 des Archivs kam mir auf den ersten
Blick etwas gewagt vor. Aber ich finde sie bei
nochmaliger Prüfung des Kelchs ganz richtig. An
dem für b angesehenen Buchstaben hat sich der
untere Strich wirklich vorgefunden. Der Schluß-
Buchstabe hat allerdings die Form eines c ent-
schieden nicht, nähert sich vielmehr der des o; aber
er soll jedenfalls ein rundes gothisches s reprä-
sentiren. Die Buchstaben sind vielleicht von Haus
ans nicht genau gebildet; denn der Raum ist klein:
die sechs Rhomben sind je % Zentimeter hoch und
l Zentimeter breit. Für die Lösung sage ich
besten Dank.

Gr. G . . . . H. U . . . .

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksbtatt".
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