Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 58
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gestaltung des Stiles zwar eine Erleichte-
rung, für die Kunst aber bedeutete sie eine
große Schädigung. Es war bald inner-
halb des Stils keine Produktion mehr mög-
lich , nur noch Reproduktion und Kopie;
nach einem Naturgesetz ist aber jede fol-
gende Kopie schlechter, als die vorher-
gehende, und so glitt auch dieser Stil in
stetiger Decadence abwärts. Nicht mehr
als Künstler, sondern wie Malmaschinen
arbeiten allmählig die Meister dieses Stils.

So kam man allmählig zu diesen rohen,
breiten, morosen, faltenreichen Gesichtern
mit den großen starren Augen, welche
schließlich doch mehr Entsetzen als Ehr-
furcht einflößen, zu den Gestalten mit geist-
losen und ausdruckslosen Zügen, die zu
reinen Typen ohne jeglichen individuellen
Charakter gefroren waren, von den ganz
verzeichnten Figuren ganz zu schweigen.
Hier kann von einer Nachahmung nicht
mehr die Rede sein.

Giovanni Eimabue (geb. 1240)
war der Meister, welcher zum erstenmal
in seinen Werken den entschiedenen Wunsch
und Willen ausspricht, die Malerei aus
dieser Stagnation und Knechtschaft zu neuem
Leben und neuer Freiheit zu führen. Seine
Madonna in Maria novella in Florenz
zeigt, wie er sich diese Erneuerung dachte.
Sie ist ganz nach dem alten Typus ent-
worfen und ausgeführt, aber in den Ge-
sichtern kündigt sich der neue Geist an;
hier haben wir nicht mehr bloß Gesichts-
linien, sondern einen geistigen Gesichtsaus-
drnck. Das Antlitz der Madonna zeigt
holde, reiche Anmuth, Milde und Lieblich-
keit, das Antlitz des Kindes stille, würde-
volle Hoheit, die Engelsköpfe schöne Züge
der Innigkeit und andächtigen Verehrung.
Auch die Kolorirung ist viel heller und
freundlicher und die Farben nicht bloß
neben einander gesetzt, sondern sorgfältig
ineinander vertrieben. Wir sehen also:
sein Problem war das, wie er ohne Be-
seitigung des Ueberlieferten, unter Beibe-
haltung der herkömmlichen Typen die Ma-
lerei wieder zur Kunst erheben könnte.
Er tritt aus der byzantinischen Periode
nicht heraus, weiß ihr aber zu frischem
Abfluß zu verhelfen, indem er den alten
Typen neuen Geist der Anmuth und Schön-
heit einhaucht. Als die Florentiner in
unermeßlichem Jubel seine Madonna aus

der Werkstätte in die Kirche überführten,
verkündigte ihr Jubel zugleich die Ein-
leitung einer neuen Blütezeit für die Ma-
lerei.

Als Freskomaler tritt Cimabue auf in
San Francesco in Assisi, in dieser Doppel-
kirche, welche so recht die eigentliche Aka-
demie, das heilige Museum der mittelalter-
lichen monumentalen Malerei darstellt.
Hier müssen wir ihn aufsuchen, um ihn
ganz zu verstehen, denn hier finden wir
sowohl seine unmittelbaren Vorgänger, und
können durch Vergleichung finden, um wie
viel er sich über sie erhebt, als auch seine
größeren Nachfolger und erkennen, wie
weit er hinter diesen zurückbleibt. Die
chronologische Anreihung dieser Malereien
ist nach langer Zeit der Unklarheit nun-
mehr mit ziemlicher Sicherheit vollzogen.

Der Kunst vor Cimabue gehören
cm: im Mittelschiff der U n t e r k i r ch e:
das Leben Christi und des hl. Franziskus,
roh ausgeführt; in der Oberkirche: an
der Westwand des südlichen Querschiffs
eine Kreuzigung und andere Bilder, an
der Südwand eine Kreuzigung Petri und
das Zusammentreffen Petri mit Simon
Magus; ferner die Malereien im Chor,
Scenen aus dem Leben Mariens, und die
schon viel besseren Malereien des nörd-
lichen Querschiffs, Reste eines thronenden
Christus u. a.

Von Cimabue stammen: in der Unter-
kirche: Westwand des südlichen Quer-
schiffs: eine Madonna mit vier Engeln,
ferner in der Oberkirche: die Gewölbe-
malereien mit Figuren (4 Evangelisten,
Christus, Maria, 4 Kirchenväter), sodann
die zwei obern Wandbilderreihen im ganzen
Langhaus mit 16 Geschichten des A. und
16 des N. T., und die Eingangswand
mit dem Himmelfahrts- und Psingstbild;
diese letztaufgeführten, leider sehr ruinösen
Werke sind wohl von mehreren Händen,
unter Cimabue's Einfluß, geschaffen worden.

Giotto's noch jugendliche, aber schon
ausgesprochene Richtung zeigen die Bilder
aus dem Leben des hl. Franz in der un-
tern Bilderreihe des Langhauses der Ober-
kirche.

Eine Vergleichung dieser Gemälde wird
über Cimabue's Wollen und Können völlige
Klarheit verschaffen. Er will die bisherige
Kunstweise nicht abthun, die alten Formen
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