Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 59
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nicht abschaffen; er selbst wandelt in den
bisherigen Geleisen und sucht nur das
Unnatürliche und Unschöne zu vermeiden,
diesen üblichen Formen mehr äußerlich
einen Schimmer von Natürlichkeit und An-
muth anzuhauchen. Er will eine Kor-
rektur des bisherigen Stils, eine Er-
neuerung des Veralteten, eine Wiederbe-
lebung des Erstarrten vornehmen durch
Einführung frischen warmen Lebensblnts
in seine Adern. Er geht daher nicht so-
weit, wie Giotto, der ganz andere Bahnen
einschlägt, als bisher üblich gewesen; aber
er arbeitet Giotto insofern vor, als die
von ihm intendirte Erneuerung der alten
Kunst, in ihrer Konsequenz für den by-
zantinisch-romanischen Stil nicht die Le-
bensverlängerung, sondern das Lebensende
brachte. Der Organismus dieser Kunst-
richtung war zu morsch geworden, als daß
er mit diesem schäumenden Jugendblut hätte
auf's neue aufleben und weiter arbeiten
können; die alten Schläuche waren nicht
mehr elastisch genug, den neuen, gähren-
den Wein aufzunehmen. Daher inscenirt
Cimabue, wohl ohne es zu ahnen, beit
Kampf zwischen alter und neuer Zeit;
dieser Kampf kündigt sich in seinen Bildern
an und verleiht seinem künstlerischen Schaf-
fen fast etwas Unheimliches. Der Aus-
gang kann nicht zweifelhaft sein. Das
Alter muß weichen, die Jugend erobert
das Feld. Cimabue's Vorgehen ist eine
Halbheit; Schönheit kann dem alten Stil
nicht von außen angehaucht werden; eine
innere Reform ist nöthig. Der Schüler
Cimabue's zieht diese Konsequenz.

4. Der Reformgedanke Giotto's.

Giotto (1267 — 1337) unterscheidet sich
dadurch von seinem Meister Cimabue, daß
sein kräftigstes Streben nicht der Anmuth
sondern der Wahrheit der Schilderung
gilt. Die Unzufriedenheit mit der bis-
herigen Kunstübung hat der Meister ihm
in's Herz gelegt; bei ihm reagirt aber
gegen dieselbe nicht so fast der Schönheits-
sinn, als der Wahrheitssinn. Nicht das
Gefühl, daß diese mumienartigen Gestalten,
wie sie zuletzt die byzantinisch-romanische
Kunst geschaffen, häßlich, daß diese Stel-
lungen und Situationen unschön seien,
sondern das Gefühl, daß der Ausdruck
dieser Gesichter unwahr sei, der Situa-

tion nicht entspreche, daß diese Stellungen
und Bewegungen unrichtig und unmöglich
seien, daß hier geistige Gedanken völlig
falsch und unverständlich ausgesprochen
seien, — das treibt ihn, eine Besserung
anzubahnen. Was er anstrebt ist Wahr-
heit und Richtigkeit der Darstellung, klares,
bündiges Aussprechen der Gedanken.

Man sieht, daß dieses Prinzip mächtiger
ist und tiefer liegt, als das Cimabue's;
es trifft die Ohnmacht der alten Knnstwelt
viel tödtlicher und führt nothwendig zu
ihrem Zusammensturz. Für Giotto kann
es sich nicht mehr darum handeln, die alte
Formenwelt zu leidlichem Aussehen her-
auszuputzen, sondern eine neue zu schaffen,
weil die alte viel zu eng, klein, steif, weil
sie unbrauchbar geworden war und jenem
Streben in keiner Weise mehr genügen
konnte.

So war der Bruch mit dem Alterthum
unvermeidlich. Giotto mußte das Wenige,
was er herübernehmen konnte, vor allem
aus andern Quellen zu vermehren suchen.
Er mußte sich vor allem eine reiche Fülle
von Darstellungsmitteln aneignen, um sein
Prinzip realisiren zu können. Er wendet
sich an die unerschöpflichen Quellen der
Natur; feinsinnige Beobachtung der mate-
riellen Natur und des Menschenlebens lie-
fert ihm Formen in Fülle, um die hl.
Gegenstände und Gedanken zu versinnlichen
und dem Verständniß des Menschen nahe-
zubringen. So gewinnt er an Stelle der
alten, wenig zahlreichen, verknöcherten
Typen einen überqnellenden Reichthum von
richtigen, lebendigen Kunstformen; er kann
beliebig den Stoffkreis der religiösen Ma-
lerei erweitern; mit bisher unerhörter Vir-
tuosität und hinreißender Wahrheit kann
er die reichsten und bewegtesten Scenen,
das unruhige Spiel der Leidenschaften,
die Reflexe der Affekte und Stimmungen
wiedergeben.

Aber, was wohl zu beachten ist, die
Naturnachahmnng ist ihm nicht Zweck.
Sonst könnte er nicht als Muster der re-
ligiösen Malerei gelten. Der Lobspruch
Boccaecio's, die Natur habe nichts hervor-
gebracht, was Giotto nicht bis zur Illu-
sion nachgeahmt habe, ist unbegründet und
könnte zur falschen Auffassung verleiten,
als wäre Giotto's Streben gewesen, die
Natur bis zur Illusion nachzuahmen.
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