Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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pelle wurde später furchtbar mißhandelt,
eine Zwischendecke durch den Raum ge-
zogen, und der obere Theil zum Gefäng-
niß, der untere zum Magazin degradirt.
Seit 1841 ist der Kapellenraum wieder
hergestellt und sind die Gemälde aus der
Tünche befreit worden; sie haben aber
schrecklich gelitten und fast alle Farbe ver-
loren. Des Entwurfes und der Anord-
nung der Malereien willen verdient die
Kapelle immer noch eine Besichtigung.

c) Als das Haupt-Meisterwerk Giotto's
ist die malerische Ausstattung des Kirch-
leins oder der Kapelle della S. Annun-
ziata, auch, weil auf den: Grunde einer
verschwundenen römischen Arena erbaut,
Madonna del Arena genannt,
in Padn a anzusehen. Wer die monu-
mentale Malerei stndiren will, muß für
diese lieblichste Gemäldesammlung der Welt
zum mindesten einen Tag in sein Pro-
gramm aufnehmen. Diese ganze Kapelle
ist von der Fußsohle bis zum Scheitel
von Giotto's Hand ausgemalt, mit Aus-
nahme des kleinen Chors, dessen Malereien
von einem schwachen Nachfolger stammen;
ein günstiges Geschick hat über ihr gewal-
tet ; die beinahe sechs Jahrhunderte sind
schonend an ihr vorübergegangen und ha-
ben nur an wenigen Bildern die Formen
zu löschen, die Farben zu bleichen gewagt.
Das Meiste schaut noch so frisch und far-
benklar, von den Wänden, als wären erst
einige Jahre darüber weggegangen. In
den Bildern der Kapelle ist dem Volk der
Katechismus der ganzen Heilslehre anf-
geschlagen; der Knnstliebende findet in
ihnen überdies den Katechismus der Kunst
Giotto's angeschrieben, und was die monu-
mentale kirchliche Malerei anlangt, so ist
zweifellos diese kleine Kapelle ihr erstes
und größtes Heiligthum. Auch sonst trägt
alles dazu bei, die Besichtigung dieses Kirch-
leins zum höchsten Genuß zu machen.
Allerdings ist es seiner kirchlichen Bestim-
mung entzogen worden; aber es liegt in
einem abgeschlossenen großen Garten in
grünem Gebüsch; der Lärm der Stadt
dringt nicht hieher und die gewöhnlichen
Touristen haben für diese Bilder keine
Stunde übrig.

Ein Hauptpunkt der monumentalen Ma-
lerei findet sich in dieser Kirche in höchster
Vollkommenheit realisirt: Die harmonische

Beziehung zwischen Malerei und Architek-
tur. Beim ersten Schritt in diesen Raum
umfängt und beglückt die Seele dieser
Eindruck der vollkommenen Harmonie,
welche so groß ist, daß manche meinten,
auch den Plan der Kirche selbst auf Gi-
otto zurückführen zu müssen. Der Bau
ist ein einfaches, mit einem Tonnengewölbe
überdachtes Rechteck ohne weiteren archi-
tektonischen Schmuck. Ein einfacher Bo-
gen führt in den kleinen niederen Chor.
Die eine Langwand ist ganz geschlossen,
die andere von sechs Fenstern durchbrochen.
Man sieht also, die Architektur hatte hier
sich selbst die größte Sparsamkeit aufer-
legt, und die ganze Dekorationsaufgabe
der Malerei überlassen. Giotto bemalt
nun zunächst die unterste Wandsläche mit
einem marmorartigen Gesims, das aus
Consolen und Pilastern ruht, zwischen
welchen die vierzehn Figuren der Tugen-
den und Laster grau in grau gemalt ange-
bracht sind. Hierin schon ist seine große
Weisheit zu bewundern. Er beginnt nicht
gleich am Boden mit eigentlich sigurativen
Darstellungen, schon wegen der geringen
Sicherheit und wegen der geringen Mög-
lichkeit sie zu sehen und zu betrachten, so-
dann, weil ja drei Reihen Kompositio-
nen folgen, die Anfügung eines vierten
aber nothwendig ermüdend und über-
ladend wirken würde. Er leitet aber
auch den Freskenschmuck nicht mit bloßer
Ornamentik ein; das wäre keine solide
Grundlage, keine feste Basis für die in die
Höhe steigenden Bilderreihen. Er erkannte,
daß hier die Malerei im eigentlichsten Sinn
monumental, architektonisch sich gestalten
müsse und wählt daher jene architektoni-
schen Motive, zwischen welchen die grau
in grau gemalten Gestalten völlig statua-
rische Haltung haben.

lieber dieser festen Basis baut sich nun
eine dreifache Reihe von Darstellungen auf:
38 Szenen aus dem Leben Jesn und Ma-
riens, jede eingefaßt von höchst geschack-
vollen, unbedingt nachzuahmenden Orna-
mentenrahmen. Ein breiter Rahmen schließt
den obersten Reihen gegen die Wölbung hin
ab. Das Tonnenwölbe selbst ist mit zwei
Gurtbögen durchzogen und so in drei Fel-
der getheilt, azurblau bemalt und mit gol-
denen Sternen durchsäet. Vielleicht wird
sich mancher wundern, hier diesen blauen
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