Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 72
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nicht bloß zusammenstellt, sondern zu leben-
digem geistigen Verkehr und Gedankenaus-
tausch verbindet, — ein ernstes Streben,
anch hier die statuarische Gebundenheit mit
Bewegung und Leben zu durchdringen.

e) Der dritte klassische Boden
der Kunst GiottBs ist jedoch neben Assisi
und Padua die Kirche 5tu. Croce
in Florenz. Wer sie nicht kennt, hat
Giotto nicht auf der Höhe seiner Mei-
sterschaft gesehen. Man kann es nicht
genug bedauern, daß seine Werke in dieser
Kirche nicht gleiche Gunst der Zeit genos-
sen, wie die in der Arena. Sie waren
und sind zum Theil jetzt noch eingesargt
in der Tünche; ihre vor wenigen Dezen-
nien vorgenommene Auferweckung und Be-
freiung konnte sie uns natürlich nicht in
der ursprünglichen Schöne wiedergeben.
Namentlich ist über die Farbengebung Giot-
to's theils wegen Erblindung der Farbe unter
der Tünche, theils wegen angebrachter starker
Retouchirungen kein sicheres Urtheil mehr
möglich. Zum Glück ist an vielen Bil-
dern wenigstens die Zeichnung und Kom-
position noch in sicheren Umrissen erhalten.

Man suche in der gewaltigen Kirche
Ltu. Croce die zweite Kapelle rechts vom
Chor aus. Sie trägt den Namen der Fa-
milie Pernzzi, welche den Bau und die
Ausschmückung und Erhaltung der Ka-
pelle auf sich nahm. In den Jahren
1841 —1863 wurden die Gemälde dersel-
ben wieder ans Licht gebracht, welche ein
barbarischer Sprosse der genannten Famlie
laut seiner eigenen Angabe »restarirare
kecit«, — nämlich durch deu Weißputzer.
Man beachte den Eingangsbogen und seine
schöne, mit elf Halbfiguren der Propheten
durchwirkte Ornamentation. Das Gewölbe
zieren die vier Evangelistensymbole. Die
zwei Bilderreihen der linken Wand erzäh-
len das Leben des Täufers, die rechts das
des Evangelisten Johannes.

Nach dem Urtheil der Kunstkenner steigt
hier Giotto, was geistigen Ausdruck und
Gehalt der Komposition anlangt, zu Höhen
hinan, wie sie in der Folgezeit nur in
Kompositionen Raphaels wieder erreicht
wurden. Kein ernster Beschauer wird sich
dem gewaltigen Eindruck entziehen können,
welchen diese Bilder auf ihn üben. Das
Geheimniß dieser Macht, die jetzt noch
aus ihnen spricht und wirkt, auch nachdem

der Zauber der Farbe gewichen, ja selbst
der Organismus der Kompositionen man-
nigfach verstümmelt ist, liegt in nichts an-
derem, als in der innigsten Verbindung der
tiefsten Erfassung des Gegenstandes mit höch-
ster Klarheit und Wahrheit der Schilderung.

Da sehen wir Zacharias mit dem Rauch-
faß vor dem Altar stehen; auf seinem
Antlitz und seiner Gestalt liegt der läh-
mende Schrecken, das entsetzenvolle Stau-
nen, welches den Erdenmenfchen erfaßt,
wenn plötzlich Ueberirdisches in sein Leben
und feinen Gesichtskreis hereintritt. Einen
herrlichen Kontrast zu ihm bildet der En-
gel in seiner himmlischen Ruhe und Lieb-
lichkeit. Mit diesen zwei Gestalten wäre
eigentlich die biblische Geschichte erzählt;
allein das Streben Giotto's nach Deut-
lichkeit der Schilderung hat sich noch nicht
genug gethan. Er läßt das Wunderbare
und Außerordentliche des Vorgangs sich
noch in zwei beigegebenen Personen reflek-
tiren, in zwei nebenstehenden Frauen, von
welchen die eine staunend auf den Engel
weist, die andere in tiefstes Sinnen ver-
sunken ist. Sie sind so recht wegen des
Beschauers da und stellen den Rapport
zwischen ihm und dem Bilde dar, indem
sie ihn mahnen, zu staunen und zu betrachten.

Ailf einem anderen Bild sitzt unter rei-
cher Säulenhalle der König Herodes am
Mahle; ein schöner Jüngling spielt auf
der Geige, die Tochter tanzt zum Klang
der Leier; ein Krieger trägt auf einer
Schüssel das Haupt des Johannes herein.
Das ist eine zusammengedrängte Erzählung
des ganzen Vorgangs, welche durch die ein-
fache Nebeneinandersetzung der Kontraste
hinreißt: Spiel und Tanz, Mahles- und
Becherfreuden — und das blutige bleiche
Haupt auf der Schüssel. Der Maler gibt
aber noch einen trefflichen Kommentar. Am
Tisch des Königs sitzt ein Gast, der ent-
setzt das Haupt abwendet und mit der
Hand eine abwehrende Geberde macht; ihn
schaudert in tiefster Seele und der Vor-
gang hat ihm jede Lust zu schmausen be-
nommen. Rechts stehen hinter der tanzen-
den Tochter zwei jugendliche Höflinge,
welche in unüberwindlichem Grauen znsam-
menschrecken und sich aneinanderschmiegen.
Wird da nicht in der That das Bild zum Wort
und zur Rede, die klar, deutlich und eindring-
lich das Entsetzliche des Vorgangs schildert?
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