Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 75
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den; in das Gebiet der Reklame dürfe das
„Archiv" nicht herabsteigen. Ich denke heute
noch so. Nur wenn ein „Künstler" eine
offenkundige liturgische Vorschrift und Ge-
wohnheit verletzt, gegen eine allgemeine
Kunst- und Stylregel sich verfehlt oder stüm-
perhaft arbeitet, und das Urtheil darüber
sicher ist, könnte eine Ausnahme gemacht
werden, aber auch da noch mit großer Vorsicht.

Gesetzt aber den Fall, solche spezielle -Be-
richte hätten einen unmittelbar praktischen
Nutzen, so würde sich derselbe keinesfalls über
den Werth einer bloßen Casnistik erheben.
Was für einen Nutzen — so darf ich wohl
fragen — hat aber beispielsweise eine Ca-
suistik der Moral oder Jurisprudenz für den-
jenigen, welchem die Prinzipien der einen ltnb
anderen Wissenschaft vollständig fremd sind?
Wenden Sie das, verehrter Freund, aus das
Gebiet der Kunst an. S y st e m atische B e-
l e h r u n g prinzipieller Art m n ß a u ch
hier v o r a u s g e h e n. Die praktische
Richtung des „Archivs" zei g t s i ch
gerade darin, daß es solche Beleh-
rungen zu geben sich n ach Kräften
b estreb t, ab er nur o d er sast nurüber
unmittelbar praktische Materien.
Deshalb hat es sich z. B. nie aus knnstge-
schichtliche Detailfragen eingelassen, Unter-
suchungen über die Enstehungszeit und den
Urheber eines Kunstwerks angestellt; es hat,
selbst in den Zeiten, wo ich auf mich allein
angewiesen war, manche lange Aufsätze über
Kunst im Allgemeinen zurückgewiesen, nicht,
weil sie an sich werthlos waren, sondern tveil
sie kein praktisches Ziel verfolgten. Was es
aber gegeben hat, das ist, glaube ich, unmit-
telbar für den praktischen Gebrauch verwend-
bar und theilweise von eminenter praktischer
Wichtigkeit. Aus demselben Grunde halte
ich es für eine Pflicht des „Archivs", auch
in das Gebiet der Technik zu streifen, tvie
es schon öfter geschehen ist und bei jeder Ge-
legenheit wieder geschehen wird.

Wenn freilich wahr wäre, was Sie, ver-
ehrter Freund, andeuten, daß die wohl haupt-
sächlich in Frage kommenden Unterweisungen
„zu gelehrt" seien, auch für den Klerus, so
wäre der praktische Werth dahin. Aber ich
kann unmöglich glauben, daß dem Klerus
diejenigen Vorkenntnisse und jene geistige
Gymnastik fehlt, welche zur selbständigen An-
eignung des im „Archiv" Gebotenen noth-
wendig lind. Nur das ist wahr, so obenhin
und leicht, wie ein Zeitungsbericht, liest es
sich nicht, es will studirt sein, aber durchaus
nicht mit einem mühsamen Studium. Jede
theologische Frage ist schwerer. Wie viele
unseres Standes haben sich nebenher mit
wissenschaftlichen Studien beschäftigt, die dem-

selben nicht viel näher liegen, als die Medi-
zin! So wird wohl auch die christliche Kunst
noch Erbarmen finden; sie gehört ja zu den
Disziplinen unseres Fachstudiums. Wenn
da und dort ein etwas schwieriger Punkt
austaucht, so wird es doch in jedem Kapitel
einen Standesgenossen, und wenn nicht,
einen Techniker geben, der dem Autodidakten
nachhilft.

Dies ist nach meinem Dafürhalten der
einzige Weg, der zum Ziele führt. Es würde
mich mit großer Freude erfüllen, den Klerus
mit jener Kenntniß ausgerüstet zu sehen,
welche ihn auf dem Gebiet der christlichen
Kunst zu einem selbständigen Uriheil befähigt
und ihn der unwürdigen Herrschaft unterge-
ordneter Stümper entzieht. Diese Selb-
ständigkeit brächte auch dem Kirchenvermögen
den größten Nutzen.

Hochachtungsvollen Gruß!

Ihr ergebenster
S ch w a r z.

Literatur.

„Die Schloßkirche in Wechselburg,
dem ehe m a l i g e n K l o st e r Z s ch i I l e n.
Zur Erinnerung an die siebenhundertjäh-
rige Jubelfeier der Kirchweihe am 15. Aug.
1884 gezeichnet und beschrieben von Jos.
Prill, Kaplan." Folio (Leipzig 1884, Ver-
lag von Hugo Lorenz),
bietet eine verdienstvolle Monographie über eine
der bedeutenderen romanischen Kirchen der sächsi-
schen Lande, durch ihre primitiven Bildwerke be-
rühmter, als durch Größe oder hervorstechende
Eigenthümlichkeiten ihres Baues. Die sieben-
hundertjährige Gedächtnißfeier der Einweihung
der Kirche (1184) gab neben dem berechtigten
Wunsch nach Aufnahme und Beschreibung der
Kirche die Veranlassung zur Arbeit. Mehr als
ein Drittel des Textes sind den geschichtlichen
Nachrichten gewidmet. Hienach ist Kloster und
Kirche Zschillen, eine Stunde oberhalb Rochlitz,
von Dedo, aus dem Geschlechte der Grafen von
Wettin, Herrn von Rochlitz und Groitzsch gestiftet,
im Jahre 1168 grundgelcgt, 1184 durch den
Bischof v. Meißen geweiht worden. Augustiner-
Mönche waren bis 1278 im Besitz; in diesem
Jahre gieng es au die Brüder des Deutschordcus
über. Als 1539 der „leichtsinnige, verschuldete"
Herzog Heinrich v. Sachsen in seinen Landen die
Kirchenneuerung einführte, wurde Kloster und
Klostergut als Staatseigenthum erklärt. Schon
4 Jahre später vertauschte es dessen Sohn und
Nachfolger gegen andere Güter an die Herrn von
Schönburg, in deren Besitz es noch heut zu Tage
ist. Von der Zeit an wird der Ort nicht mehr
Zschillen, sondern Wechselburg genannt. Schon
Mitte des 16. Jahrhunderts war die „Kirche au
Dachung und sonsten gautz verwüstet, also daß
Sie wieder zu erbauung ein merkliches Kosten
würde." Erst fast 150 Jahre später faßte Graf
Samuel den Gedanken, sie wieder herzustellen,
indessen, wie der heutige Zustand beweist, nur in
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