Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 76
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einem Umfang, der nicht einem Wiederaufbau,
sondern nur der baulichen Erhaltung des Kunst-
denkmals galt. Ein neuer Abschnitt der Ge-
schichte der Kirche datirt vom Jahre 1843, ge-
rade 300 Jahre nach dem Anfall derselben an
das Haus Schönburg. Graf Alban, obwohl selbst
Protestant, öffnete nämlich die Kirche dem katho-
lischen Gottesdienste wieder. Das war die Ant-
wort des in seinem Edelsinn und Gerechtigkeits-
gefühl tief verletzten Grafen auf die Schmähun-
gen, welche sich der lutherische' Prediger Kalb in
seinen Predigten gegen die katholische Kirche, ihre
Lehren und ihr Oberhaupt zu Schulden kommen
ließ. Bei dieser Gelegenheit wurde sie, die all-
mählig wieder zum „Schirrhauß" und zur Werk-
stätte der Zimmerlente gelvorden war, von Schutt
und Schmutz befreit, mit neuem Bodenbelag,
neuem Orgel- und Stahlwerk ausgestattet. Das
begonnene Werk vollendete sein Sohn Graf Karl
von Schönburg-Forderglauchau. Er kehrte sammt
seiner Gemahlin am >9. März 1869 zur katho-
lischen Kirche zurück. Vollständiger und regel-
mäßiger Gottesdienst wurde in der Schloßkirche
eingerichtet, durchgreifende und gründliche Er-
neuerung des in manchen Theilen schadhaften
Kirchengebäudes in Angriff genommen, die Chor-
absis abgetragen und neu erbaut, das (goth.)
Chorgewölbe durch ein neues ersetzt, das Aeußere
der Kirche von entstellenden Anbauten befreit,
die schon seit dem 15. Jahrhundert geschloffene
prächtige Vorhalle wieder geöffnet, außerdem
wurden die Wände der Kirche bemalt, die Fen-
ster mit Glasmalereien geschmückt. An der Hand
von zehn sehr sauber ausgeführten Tafeln be-
schreibt nun der Herr Vers, den Bau, Grundriß,
Maßverhältnisse, Aeußeres und Inneres, die nicht
vollendeten Thürme, mit besonderer Vorliebe aber
das Bildwerk. „Gebührt" — mit diesen Worten
gibt er selbst den Grund davon an — „unserer
Kirche unter den edelsten Bauwerken des roma-
nischen Stils immerhin ein ehrenvoller Platz, so
wird sie doch von vielen anderen an Größe so-
wohl, wie an reicher Gestaltung übertroffen; un-
übertoffeu aber und ohne Gleichen in der Zeit
ihrer Entstehung sind die in derselben befindlichen
Bildwerke." Und der Verfasser hat Recht; nicht
nur stammen sie noch aus der romanischen, mit
der Entstehung der Kirche fast zusammenfallen-
den Zeit und gehören also zu den ältesten plasti-
schen Kunstprodukten Deutschlands, sondern sie
sind auch von reizender Schönheit und künstleri-
scher Vollendung. Der oder die Meister haben
offenbar die Antike gekannt — der Verkehr der
Propstei Zschillen mit Italien war Anfangs des
13. Jahrhunders ein sehr reger —; aber sie
haben sie nicht kopirt, sondern ihr darnach gebil-
deter Formensinn hat deren Vorzüge in den ro-
manischen Typus hineinverflochten' und sie auf
dem christlichen und abendländischen Boden als
selbständige Frucht christlicher Kunst eingepflauzt.
Daß nicht jedes der wohl nicht von einer Mei-
sterhand herrührenden Bildwerke die gleiche Voll-
endung aufweist, ändert hieran nichts; genug: der
Lettner und ganz besonders die herrliche Kreuz-
gruppe mit 9 Figuren, von welcher das Titel-
bild eine Abbildung in Lichtdruck gibt, die (ur-

sprünglich mit demselben als Ambo vereinigte)
Kanzel, das Grabdenkmal des Stifters Dedo und
seiner Gemahlin Mechtildis und zwei weitere
Standbilder am Eingänge des Chors — nach dem
Verfasser Abrahanis und Melchisedechs — sichern,
was deren Alter und innern Werth betrifft, der
Kirche in Wechselburg einen hervorragenden Platz
unter bcu christlichen Kunstdenkmalen aus deut^
schein Boden, ebenbürtig den plastischen Gebilden
an der goldenen Pforte in Freiberg, würdig,
wahre Schulbilder zu werden. Daß der Herr
Vers, sie durch seine pietätsvolle Publikation auch
seinerseits in weitern Kreisen bekannt macht, ver-
dient unfern vollen Dank. Zwar sind die „vie-
len" Schäden der Holzbilder der Kreuzgruppe
des Lettners von Prof. M. Stolz in Innsbruck
gelegentlich der neuesten Restauration ausgebessert
worden; aber der Herr Vers, versichert uns, daß
sie nur „ganz unbedeutend" waren, also wohl
nur aus Nebensächliches sich erstreckten und daß
die Ausbesserung eine sorgfältige ist. (S. 41
Anm ) Daß der Lettner nicht mehr an seinem
ursprünglichen Platze steht, d. h. den ehemals er-
höhten Chor vom Schiffe trennt, sondern als
Hochbau des Hauptaltars vor die Chorabsis ge-
stellt ist, muß man in den Kauf nehmen. Der Chor
dient nicht mehr dem längst verstummten Chor-
gebet der Mönche und der Konventsmesse, der Lett-
ner nicht mehr als ein den Chor von dem Schiffe
und dem Gottesdienst für die Gläubigen abschließen-
der Bestandtheil; die Kirche ist Pfarr- oder Kirche
einer Missionsstatiou und muß unter diesem Ge-
sichtspunkt, nicht als ein Museum für Alterthümer
restaurirt werden. Das loben wir, denn eine
Kirche ist immer zuerst Kirche, Haus der Anbe-
tung Gottes, des Opfers Jesu, Ort der Er-
bauung der Gläubigen. Die Ansicht der schönen
Chorabsis leidet darunter wohl: aber vordem
war der ganze Chor durch den hohen Lettner und
seiner fast bis an das Gewölbe reichenden Kreuz-
gruppe den Blicken mehr oder weniger entzogen.
Wir heben das im Gegensatz zu dem bloß anti-
quarischen Restaurations-Standpunkt gewisser Pu-
risten ausdrücklich hervor. Noch etwas verdient
erwähnt zu werden. Der Bildner der Krenz-
gruppe hat nicht gefürchtet , daß die Schönheit
seines Werkes durch Bemalung beeinträchtigt werde,
was moderne Plastiker in der Regel vorgeben,
um die Polychromirung zu verhindern; er hat
vielmehr das gerade Gegentheil geglaubt. Sein
Werk wurde durch eine harmonisch gestimmte Be-
malung noch gehoben; sie blieb noch genug er-
halten, um ohne Schwierigkeit wiederhergestellt
werden zu können. Auch das, wie die innere
Ausmalung figurativer und dekorativer Gattung,
welche der edle und opferwillige Sinn des er-
lauchten Grafen von Schönburg möglich machte,
verdient die volle Anerkennung. So regt denn
die besprochene Publikation, deren splendide Aus-
stattung gleichfalls auf die „großmüthige Beihülfe"
des Herrn Grafen hinweist, nach vielen Seiten
hin wohlthuend und wirkt belehrend und er-
munternd auf dem Gebiete der Restauration,
das, wie die darin Erfahrenen wissen, so reich ist
an gefährlichen Klippen. Möge es also gebührend
benützt und studirt werden. Schwarz.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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