Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 78
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belegte, so war das die Folge eines jener
sog. zufälligen Ereignisse, aus welchen die
göttliche Vorsehung den Plan unseres Le-
bens znsammenwebt.

Als der Selige Pfarrer in Böhmenkirch
wurde, war an diesem Orte ein württem-
bergischer Baumeister mit dem Bau einer
neuen Kirche beschäftigt. Hatte Schwarz
auch bisher noch keine eigentlichen Kunst-
studien betrieben, so sagte ihm doch das
durch die Vorlesungen unseres hochwür-
digsten Bischofs, damaligen Professors in
Tübingen, eingepflanzte Kunstgefühl, daß
der Bau des im bekannten damaligen Stil
arbeitenden Meisters eigentlich keine Kirche,
sondern, wie er zu sagen pflegte, eine stei-
nerne Kiste mit hölzernem Deckel sei. Dies
Gegentheil von Kunst rief sein ganzes
Interesse für die religiöse Kunst in Schran-
ken und drängte den durch den Universi-
tätsunterricht gelegten frischen und ge-
sunden Keim zu rascher Entfaltung. Das
Unrecht des Baues mußte er §emeu3
fremensque seiuen Fortgaug nehmen las-
sen; als aber Altäre von gleicher künst-
lerischer Qualität ihren Einzug in die
Kirche halten wollten, erhob der Pfarrer
energischen Widerspruch; er knüpfte Be-
ziehungen mit Münchener Künstlern an
und ließ durch Bildhauer Sikinger die
Altäre fertigen.

Das einmal geweckte Interesse fand bald
neue Nahrung und neuen Impuls durch
die mächtige Bewegung, welche um die
Mitte unseres Jahrhunderts durch ganz
Deutschland gieng und die Pflege der kirch-
lichen Kunst sich zum Ziel gesetzt hatte.
Von 1850 an bildete sich eine Reihe von
Diözesankunstvereinen; sie wurden zu einem
großen deutschen Gesammtverein zusammen-
geschlossen mit dem Centrum und Vorort
Köln. Schwarz sorgte dafür, daß die
Rottenburger Diözese nicht zurückblieb;
im Jahre 1852 gliederte sich ihr Verein
dem Centralverein ein. Die erste große
Kunstthat geschah 1853: es wurde die
durch den damaligen Kaplan, jetzigen Stadt-
pfarrer Pfitzer angeregte Restauration der
Heiligkreuzkirche in Gmünd in Angriff ge-
nommen, — ein wahres Ereigniß für die
Diözese, die erste größere Restanrations-
arbeit, der erste pietätsvolle Versuch, ein
herrliches Denkmal mittelalterlicher Bau-
kunst im alten Geist und ursprünglicher

Schönheit wiederherzustellen, die Schäden
der Zeit auszubessern, die Quadermauern
von dicker, häßlicher Ockerschichte zu be-
freien. Dieses große Werk zog die allge-
meine Aufmerksamkeit auf sich und weckte
in weiten Kreisen Sinn und Eifer für die
hl. Kunst. Da der Kölner Centralverband
sich auf die Dauer nicht als lebenskräftig
erwies, so löste sich der Rotteuburger
Verein allmählig von ihm los und führte
unter der Vorstandschaft des damaligen
Professors von Hefele, nachher des Dr.
Schwarz ein arbeitsames und fruchtreiches
Einzeldasein.

Als sich die Gelegenheit bot, ein Organ
für den Verein zu gründen, war Schwarz
sofort bei der Hand. Der Verleger eines
Modejournals, Buchhändler Bonz in Stutt-
gart, hatte aus Verlangen seiner Abonnen-
ten seit mehreren Jahren seiner Zeitschrift
ein Musterblatt für kirchliche Frauenarbei-
ten beigegeben. Die Mangelhaftigkeit die-
ser, allen kirchlichen Kunstgesühls baren,
nach Mode duftenden Muster erkannte er
selbst und wandte sich um bessere Arbeiten
an Dr. Schwarz und Pfarrer Laib. Diese
übernahmen mit dem Redakteur Florian
Rieß, später mit Dr. Bock (damals Kap-
lan in Köln, nachher Ehrenkanonikus in
Aachen, bekannt hauptsächlich durch seine
„Geschichte der liturgischen Gewänder des
Mittelalters", Bonn 1859) die Re-
daktion des „K t r cf) e n s ch m n ck s"; das
war der Name des Kunstarchivs, wel-
ches nun nicht mehr wie bisher im Hinter-
haus einer Modezeitung in Miethe wohnte,
sondern zu einer selbständigen Zeitschrift
erhoben wurde. Die zwei ersten Jahr-
gänge waren ausschließlich den weiblichen
Arbeiten für die Kirche gewidmet; vom
dritten an wurde das ganze Gebiet der
kirchlichen Kunst in den Rahmen des Pro-
gramms ausgenommen.

Vierzehn Jahre hindurch arbeiteten
Schwarz und Laib an diesem Organ. Wie-
viel die 27 Bände desselben, mit ihren 324
Mustertafeln und Farbendrucken, mit ihren
Vorschriften und Vorlagen für das Große
und das Kleinste, von Kirchenbau und
Altar an bis herab zur Ministrantenglocke
und zum Cingulum, — wieviel sie gewirkt
haben für würdige Herstellung, Ausstat-
tung, Ausschmückung der Gotteshäuser und
Altäre, für eine der Schönheit und Hei-
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