Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 80
DOI Heft: 10.11588/diglit.15861.45
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15861.46
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15861.47
DOI Seite: 10.11588/diglit.15861#0084
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1885/0084
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
80

wer immer hierin mit ihm zu thun hatte,
lernte die Größe und Tiefe seines Geistes,
die Klarheit seines Urtheils und den Reich-
thum seiner Erfahrung schätzen. Diese
Thätigkeit war die verborgenste und an-
spruchsloseste, mitunter auch die am we-
nigsten angenehme unb lohnende; umso-
mehr ist die sichtlich höheren Absichten ent-
springende Opferwilligkeit, Freundlichkeit
und Gründlichkeit zu bewundern, mit wel-
cher er ihr oblag. Sie hat seinen Namen
in Verbindung gebracht mit Hunderten von
Kirchen unserer Diözese, mit Hunderten
von Restanrationsarbeiten in anderen Län-
dern, um hier nur die weiteren Umfangs
in Feldkirch, Eichstätt, Mehrerau zu
nennen.

Wenn wir nun nochmals diesen großen
Kreis segensreichsten Wirkens bewundernd
überschauen, so fällt uns freilich der Schmerz
doppelt schwer auf das Gemnth zurück,
daß der, in welchem die Knnstbestrebungen
unserer Diözese so recht ihren Mittelpunkt
fanden, nun nicht mehr unter uns weilt.
Wir würden aber zeigen, daß wenig von
seiner hl. Begeisterung, seiner unbesieg-
baren Energie, seinem verzehrenden Eifer
für das Haus Gottes und seinen Schmuck
auf uns übergegangen, würden wir die
Hände sinken lassen, weil der bisherige
Führer und Leiter im Reiche des Kirchlich-
Schönen von hinnen gegangen, um die
ewige vollkommene Schönheit an der lich-
ten Urquelle zu trinken. So leuchtend
steht sein Vorbild uns vor Augen, so
klar hat er mit der ihm eigenen Geistes-
schärfe und mit seinem praktisch hellen
Blick die Wege gewiesen, daß ein heiliger
Muth weiterzuschreiten und fortzuarbeiten
mit dem Gedanken an ihn in die Seele
einzieht.

Was diese Blätter im Besonderen an-
langt, so ist es leider nicht möglich, den Haupt-
artikel, den der Selige begonnen, die Gram-
matik der kirchlichen Baukunst, ohne Unter-
brechung fortzusetzen, da weitere Aufzeich-
nungen fehlen und erst eine andere Feder des
schwierigen Stoffes sich bemächtigen muß.
Die Zeitschrift selbst aber wird forterschei-
nen — wir glauben versprechen zu kön-
nen : im Geiste ihres bisherigen Redak-
teurs. Der Unterzeichnete hat als Schrift-
führer des Diözesanvereins diese Nummer
redigirt; es wird Aufgabe des Vereins-

ausschusses sein, einen ständigen Redakteur
zu bestellen.

Dem bisherigen, Heimgegangenen aber
lohne Gott, was er an diesem Blatt ge-
arbeitet und durch dasselbe gewirkt hat.
Die Idee einer übernatürlichen Schönheit
trug er hienieden im Herzen; sie zu ver-
wirklichen, soweit Menschenkräfte es ver-
mögen, einen Schimmer von ihr aus alle
Kunstformen und Kunstgebilde zu legen,
welche in den Dienst Gottes gestellt wer-
den sollten, das war sein heißes Verlan-
gen und eifriges Streben; nun möge das
Urbild dieser Schönheit ihm aufleuchten
in der Anschauung Gottes. Er ruhe im
Frieden! —

Prof. Dr. Keppler.

Die Musterschule der monumen-
talen Malerei.

Von Prof. vr. Keppler.

(Fortsetzung.)

Die zweite von Giotto geschmückte Ka-
pelle ist die Cap. Bar di, die erste rechts
vom Chor. Ihre Gemälde wurden 1853
restaurirt. Da hier abermals die Ge-
schichte des hl. Franziskus erzählt ist, so
ist eine Vergleichung mit den Bildern in
Assisi doppelt instruktiv; sie läßt die gro-
ßen Fortschritte erkennen, was den Schwung
in den Kompositionen und die Feinheit und
Gewandtheit der Formgebung anlangt.
Man vergleiche nur die Darstellung der
Abkehr des Heiligen von seinem Vater;
das figuren- und assektreiche Gruppenbild
ist hier viel feiner vertheilt, die Stellun-
gen sind natürlicher, der Ausdruck auf den
einzelnen Gesichtern kecker und freier ge-
schildert. Mit einfacher Eindringlichkeit
ist der Tod des hl. Franziskus erzählt und
die Traumvision des Bischofs vön Assisi;
die schönste Darstellung ist aber wohl
die Todtenfeier, welche, was die Ver-
theilung der Gruppen anlangt, sich hoch
erhebt über die Darstellung in der
Oberkirche zu Assisi. Lächelnden Frie-
den aus dem Antlitz liegt Franziskus auf
der Bahre; zu seinen Häupten steht der
Priester mit der Assistenz und betet die
absolutio all tumbam, zu seinen Füßen
stehen drei Mönche mit der Kreuzfahne
und Kerzen. Die Jünger des Heiligen
loading ...