Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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als arbor vitae verherrlicht. Der
Meister derselben ist unbekannt; man ver-
muthet als solchen Francesco da Vol-
terra (ca. 1350). In der Mitte wächst
der Kreuzbaum empor, der nach beiden
Seiten hin sich anszweigt; die Aeste sind
mehr ideal behandelt, als vom Mittelstamm
auslanfende Arabesken, welche zunächst
spruchbandartig behandelt und mit Schrift-
stellen beschrieben sind, dann in zierlichen
Verschlingungen endigen und die Brustbil-
der der Propheten und Evangelisten ein-
rahmen. Der hl. Franziskus umklammert
in heißer Inbrunst den Kreuzesstamm;
rechts halten die hl. Frauen die Mutter
Jesu, links sitzt der hl. Bonaventura am
Boden und schreibt einen Hymnus aufs
hl. Kreuz, während der hl. Antonius, Do-
minikus, Ludwig, zu demselben in Andacht
anfschauen. Die Darstellung ist gleich
schön in ihrem Grundgedanken, wie in ihrer
Einzeldurchführnng. —
b) Wir reihen hier gleich den Sohn
Taddeo's A g n o l o G a d d i an, welcher
1396 starb. Er erzählt im Chor von
St. Croce in Florenz die Legende vom
hl. Kreuz, welche ihre Wurzeln bis in's
Paradies zurück schlägt und dem Maler
einen überaus großen Reichthum der wech-
selreichsten Scenen darbietet. Seth erhält
für den zum Tod erkrankten Adam von
Michael einen Zweig vom Baum des Le-
bens im Paradies und pflanzt diesen Zweig
nach dem Hinscheiden des Vaters ans des-
sen Grab. Der Zweig wird zum herrli-
chen Baum, den König Salomo zu einem
Brückenbau verwendet. Die Königin von
Saba aber betet, da ihr Weg sie über
diese Brücke führt, den Holzstamm an,
durch eine Offenbarung über seine künf-
tige Bestimmung belehrt. Salomo ver-
nimmt von ihr, daß an diesem Holze der
Messias leiden und sterben soll und läßt
ihn voll Grauen und Entsetzen in die Erde
vergraben. Aus ihm entquillt der Heil-
brunnen Siloah, bis die Hohenpriester den
Stamm herausziehen lassen und ihn zum
Kreuz für den Heiland bestimmen u. s. f.
Eine ähnlich weit ausgesponnene Legende
übersetzt der Malerim Dom zu Prato,
in der Capelia della Cintola in Farben:
die Geschichte des Gürtels der hl. Jung-
frau, den diese einst dem hl. Thomas
überreichte, der dann auf dem ersten Kreuz-

zug in den Besitz eines Bürgers von
Prato kam und nachher den Stolz des
dortigen Domes bildete. Ins Gewölbe
der Kapelle malte er in feinen Ornamen-
tenrahmen die Kirchenväter. Von beit
Kennern sind diesem Meister auch die
neuerdings anfgedeckten Gemälde der Ca-
pella del sagramento oder Ca-
pella C a s t e 1 a n i in St. Croce (rechtes
Querschiff) mit Scenen aus dem Leben des
hl. Nikolaus, Johann Bapt. und Johan-
nes Evgl. und Antonius zugesprochen
worden.

Bei Agnolo nehmen wir bereits einen
Drang wahr, über Giotto hinanszugehen.
Er zieht die Natur in reicherem Maße
bei; seine Scenen streben über die engge-
zogenen Grenzen der Sparsamkeit und
Einfachheit Giotto's hinaus und dieser
Freiheitsdrang führt manchmal zum Guteu
und erfindet schöne Einzelzüge, manchmal
schädigt er aber auch Ernst und Würde,
von den Fehlern in der Zeichnung, die er
verschuldet, gar nicht zu reden. Sympa-
thisch berührt das andere Streben Agno-
lo's: in Formen und Farben ein gewisses
Gefühl für Schönheit und Anmnth zur
Geltung zu bringen und in diesem Inter-
esse Giotto's herbe Kraft und energische
Schilderung etwas abzurunden und zu
schmeidigen. Als Erzähler ist er hoch zu
schätzen; seine dichterische Phantasie und
sein Sinn für das malerisch Schöne er-
geht sich mit Lust in den weiten lieblichen
Gefilden der Legende und weiß hier Sce-
nen von reizender Schönheit zu erfinden, ist
aber freilich im Zusammenschließen dersel-
ben zu einer einheitlichen Komposition nicht
immer ebenso glücklich. Die Anmnth seines
Kolorits ist noch jetzt nicht ganz ver-
blichen.

c) Besonderes Interesse knüpft sich an
bett Namen seines Schülers Cennino
Cennini, ca. 1372 geb. Die Leistun-
gen seines Pinsels sind nicht bedeutend,
soweit wir wenigstens ans den erhaltenen
Resten schließen können. Er malte in der
Kirche San Francesco in Castel-
fior entino; vielleicht stammen auch die
Gemälde im Chor der Ar ena- Ka p elle
in Padua von ihm. Aber seinen Namen
verdankt er seiner Feder. Er ist der
Schriftsteller der großen Giottistenschule.
Von ihm haben wir einen hochinteressan-
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