Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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schließt sein Buch mit den Worten: ,,wir
bitten den höchsten Gott, unsere liebe Frau,
den hl. Johannes, St. Lnkas, Evangelist
und Maler . . . ., daß sie uns Gnade und
Kraft verleihen, im Frieden die Lasten und
Mühen dieser Welt zu ertragen, und dann,
daß sie denjenigen, welche dieses Buch
lesen, beistehen, es gut zu stndiren und
wohl zu behalten, auf daß sie durch ihren
Fleiß in Frieden leben und ihre Familie
in dieser Welt erhalten können, endlich
aber jenseits in der Glorie per infinita
saecula saeculorum Amen".

In so schlichtem, trockenen Handwerker-
ton auch die Schrift ihrem Hauptinhalt
nach sich hält, wieviel offenbart sie uns
nicht zugleich vom Geist jener Schule! wie
hell blitzt in den angeführten Stellen der
fromme Sinn und der ernste Geist jener
Künstler ans! welch' erhabene Anschauung
von der Kunst waltet hier und welcher
Eifer unverdrossener Arbeit! Wir stoßen
hier auf die zwei Grnndkräfte, welchen
diese Schule ihr langes Leben und ruhm-
reiches Wirken dankt: den religiösen Sinn
und die fromme Pietät gegen die Lehrer.
Und diese Zeugnisse über Geist und Seele
dieser Schule sind um so glaubwürdiger
und unverdächtiger, als sie ganz unwill-
kürlich in den technischen Unterricht ein-
fließen. Fragt man aber, ob die im Buch
enthaltenen handwerklichen Regeln und Re-
eepte heute noch praktikabel seien, so kann
ich nur antworten, daß der Ritter Tam-
bro ni eine Ausgabe und Uebersetznng des
Buches veranstaltete (Paris 1858), nach-
dem er selbst sich nach ihm zum Fresko-
maler gebildet hatte, und daß Donner
gleichfalls berichtet, seine Versuche nach
Recepten des Cennino haben die allerbe-
friedigendsten Resultate gehabt. Das wei-
tere Urtheil muß ich dem technisch Gebil-
deten überlassen.

d) Von Maso di Banco (um 1350),
welchen Vasari irrthümlich mit Giottino
identifizirt, stammen die sehr beachtens-
werten Fresken in der Capelia S.
Silvestro in St. Croce in Florenz
(fünfte Kapelle links), Scenen aus dem
Leben des Kaisers Konstantin und des
Papstes Sylvester. Konstantin ist im Be-
griffe, dreitausend Knaben schlachten zu
lassen, um sich ein Blutbad zu bereiten
zur Reinigung vom Aussatz; er unterläßt

es aber gerührt durch die Wehklage der
Mütter. Es erscheinen ihm die Fürst-
apostel und weisen ihn an Sylvester, der
ihn tauft und vom Aussatz heilt. Diese
Scenen sind mit packender Lebendigkeit ge-
schildert. Unter den Wundern Sylvesters
ist mit ganz besonderer dramatischer Kraft
die Tödtung des Drachen erzählt, des
Urhebers einer furchtbaren Pest, und die
Wiedererweckung seiner getödteten Opfer;
Kaiser Konstantin, der Augenzeuge des
Wunders, ist eine majestätische Figur.

Soweit die Bilder noch erkennbar sind,
verrathen sie eine große Kunst, spannend
und lebendig zu erzählen, geistvoll zu kom-
poniren und die Natur wahr und kräftig
nachznbilden. Da die Gemälde im Grab-
gewölbe der Strozzi unter der Capella
Spagnuoli in Maria-Xovella in Florenz
gleichen Charakter zeigen, so hat man wohl
mit Recht auch sie diesem Künstler zuge-
j theilt. Das Hanptbild ist eine Kreuzigung
von gutem Entwurf; den Crncifirns um-
schweben trauernde Engel; Maria sinkt ohn-
mächtig in die Arme der Frauen. An der
Nebenwand ist die Geburt Christi darge-
stellt, eine andere und bessere Komposition,
als sie Giotto für diesen Gegenstand wählte;
Maria kniet hier vor dem hl. Kind und
betet es an, Engel umgeben es.

e) In der Erzählungsgabe kommt ihm
gleich Giotto di Maestro Stefano,
genannt Giottino, um 1370. Von ihm
; stammen die Gemälde in der Capella del
Sagramento (Absis des südlichen Quer-
! schisss) in der Unterkirche von Assisi, und
j an der Außenseite dieser Kapelle. Sie
j geben Scenen aus dem Leben des hl. Ni-
kolaus, wie er drei unschuldig zum Tod
verurtheilte Jünglinge errettet, wie er die
drei Jungfrauen ansstattet, ein von einem
König entführtes Kind den Eltern znrück-
bringt, ein Kind vor dem Ertrinken be-
wahrt u. s. s. An der Außenwand der
Kapelle sind einige Wunder des hl. Fran-
ziskus erzählt. Darüber ist eine sehr schöne
Darstellung der Verkündigung zu sehen,
von der man allerdings nicht sagen kann,
ob sie vom Pinsel Giottino's stammt.

Der Name dieses Künstlers bezeichnet
ganz richtig seine Eigenart, sein Wollen
und Können. Keiner der Schüler Giot-
to's, auch Taddeo nicht ausgenommen, hält
sich so ganz in der Nähe des Meisters,
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