Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 87
DOI Heft: 10.11588/diglit.15861.45
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15861.48
DOI Seite: 10.11588/diglit.15861#0091
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1885/0091
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
— 87 —

Wie oft hört man diese Klage. Und
die Hilfe liegt doch so nahe. Wir wollen
den bedrängten Mitbrüdern beispringen.

Vor allem: Muß denn die Wand bis
zum Boden herab bemalt, oder gar ge-
mustert sein? Das widerspricht allen Re-
geln der Dekoration. Diese soll die Li-
nien des Baues hervorheben und durch
Farbe beleben. Wenn aber der Bau schon
durch größere Massigkeit in den unteren
Theilen, durch verstärkten Sockel und durch
glatte Wandflächen zeigen will, daß er
aus festem Fuße steht, warum durch
scheckige Teppiche bis zum Boden herab
ihn unruhig machen? Lassen wir also diese
Partien glatt, eintönig und etwas dunkler
als die höher liegenden Wandflächen. Ist
die Wand von sauberen Quadersteinen ge-
baut, so gibt die Farbe des Steins mit
den Fugenlinien die beste Dekoration. Muß
sie bestochen werden, so kann man mit
dem letzten Bewurf einen Farbstoff mi-
schen, der nicht abgerieben werden kann.

Wie aber, wenn die Mauer feucht ist,
Salpeter zieht u. drgl. ?

Dann suchen wir die Ursachen aus, um
dieselben zu entfernen. Wo die Schuld
an dem verwendeten Stein liegt, da helfen
alle Mittel, auch die neuestens angeprie-
senen, nichts. Häufig wird man finden,
daß die schlechte Wasserableitung, die Er-
höhung des äußeren Bodens, der Mangel
an Durchlüftung schuld ist. Da weiß
man, wie man abhelfen soll und kann.

Die beste Dekoration der Wände in
ihren unteren Theilen, den solidesten
Schmuck und den sichersten Verschluß gegen
Feuchtigkeit bietet die Verkleidung mit Mar-
morplatten. Besonders als Hintergund der
Altäre kann keine Art von Dekoration die
solide Pracht des Marmors ersetzen. Ist
auch dieses Material noch ziemlich thener,
so fordert es doch nur den einmaligen
Aufwand und ist beinahe unzerstörbar.
Wenn man aber den Aufwand für Mar-
morplatten sich nicht erlauben darf, warum
sollten nicht andere Steinplatten denselben
Dienst leisten, wenn man damit die Wand
aus Sockelhöhe oder noch weiter hinaus
bekleidet? Wem dieses Material zu un-
scheinbar vorkommt, dem habe ich aus neuester
Erfahrung ein anderes zu empfehlen, das
ihm sicher genügen wird. Es ist dies der
Liasschiefer, welcher bei Kirchheim u. T., in

Holzmaden und anderen Orten gebrochen
wird. Im rohen Zustande wird er zu
Bodenplatten verwendet, in Hausfluren,
Kellern, Viehställen, besonders da, wo man
mit Feuchtigkeit zu kämpfen hat. In der
wissenschaftlichen Welt ist dieser Posido-
nienschiefer berühmt wegen der Menge von
Sauriern und anderen untergegangenen
Thiergeschlechtern, die hier in ihm einge-
bettet und versteinert sind. Auch den An-
fängen jeder Wissenschaft dient er als
Schnltafel. —

Bekümmert über den schlechten Zustand
einiger Altarwände, hatte ich Jahre lang
den Kops mit Sorgen und Planen ge-
quält, als ich einmal im Musterlager zu
Stuttgart ein Gestein sah, das durch fei-
nen Schliff und Politur ein marmorähn-
liches Aussehen hatte und sich zu Tisch-
plättchen sehr elegant verwenden ließ. Das
war der Holzmadener Posidonienschiefer.
Das lang Gesuchte war gefunden, und
eine Stunde später der Finder auf dem
Wege nach Holzmaden. Wie die wackeren
Holzmadener mich für einen nach Ichthyo-
sauriern jagenden Naturforscher hielten,
und meine Versicherung, nur „Fleinsplat-
ten" und nichts anderes zu begehren, mit
ungläubigem Lächeln aufnahmen, das ge-
hört nicht in diesen Bericht. Genug, daß
ich einige Mühe hatte, über Gewinn,
Preis und Behandlung der Schiefer das
Nöthige zu erfahren und danach meine
Bestellungen zu machen. Die Schiefer-
platten werden in beliebiger Größe — bis
etwa zu 2Oadratmeter geliefert. Ich bemerke
aber, daß es nicht nöthig und auch nicht
vorteilhaft ist, sehr große Platten zu be-
stellen. Sie machen mehr Schwierigkeit
im Schleifen und Anpassen und haben
auch beim Transport mehr Gefahr des
Zerbrechens. Die Verschiedenheit der Farbe
und Abtönung, die bei verschiedenen Plat-
ten unvermeidlich ist, hat gar nichts Nach-
theiliges und scheint im Gegentheil den
Reiz der Wirkung noch zu erhöhen. Diese
Platten nun werden nicht in rohem Zu-
stande bezogen, wie man sie zur Boden-
beplattung verwendet, sondern müssen vom
Lieferanten fein geschliffen werden, auch
die Ränder, mit welchen sie Zusammen-
stößen, sind zu schleifen. Der Lieferant
kann auch die Politur besorgen; doch ist
es rathsamer, die Platten unpolirt zu be-
loading ...