Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 99
DOI Heft: 10.11588/diglit.15861.54
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15861.55
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15861.56
DOI Seite: 10.11588/diglit.15861#0103
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1885/0103
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
99

ung ganz zu verlassen und ein schlechthin
neuer zu suchen? Oder soll man den
vorhandenen beibehalten und -durch Ab-
schueidung von Irrwegen, durch Korrektio-
nen , durch Höherführung und Wetter-
führung zum Ziel zu kommen suchen ? Das
war eine Frage, welche eine Art Pslichten-
kollision in sich schloß: ans der einen Seite
die Pflicht, das erkannte oder geahnte
Bessere anzustreben mit allen Kräften, auf
der andern Seite die Pflicht des Konser-
vatismus, das Herkommen und die Ueber-
lieferung zu respettiren. In Lösung dieser
Frage nun gehen die Sieneser und Floren-
tiner auseinander. Giotto zieht unbedenklich
den Fuß zurück von der staubigen Straße
der bisherigen Knnstübung und bahnt sich
einen neuen Weg, indem er für die alten
Typen neue ans der Natur und dem Leben
holt. Die Sienesen sind schüchterner; sie
entscheiden sich im Sinn des Konservatis-
mus, bleiben auf dem Weg der Tradition,
behalten die überlieferten Komposilions-
formen und Typen, ja theilweise selbst die
Technik bei, und suchen nun nur diesen
Weg des Herkommens, soweit ihnen immer
möglich, auf die Höhen wahrer Kunst
hiuaufzuführen, diese Typen von innen
heraus umzubilden und mit neuem Blut
zu beleben.

Volle Klarheit bekommen wir aber erst,
wenn wir das Grundmotiv ins Auge fassen,
welches beide in Lösung jener Frage be-
stimmte.

(Fortsetzung folgt.)

Studien über plaftif.

Von F. Festing.

10. bis 13. Jahrhundert. Der ro-
manische S t i l.

Es wäre im höchsten Grade interessant,
und lehrreich, die Entwicklung der politisch-
religiösen und sozialen Verhältnisse im
Mittelalter mit jener der Künste hier in
Parallele zu bringen, und den Einfluß jener
auf diese im Einzelnen nachzuweisen. Wir
müssen uns diesen Versuch in Rücksicht
auf den rein-praktischen Zweck leider ver-
sagen.

Das Christenthum trat, wie dem antiken,
so auch dem germanischen Heidenthum, mit
seiner theils roh-sinnlichen, theils daimoni-

sirten Mythologie, als eine ganz neue,
unerhörte, geradezu todfeindliche Erschei-
nung entgegen. Nur Schritt für Schritt
wich die im ungezügelten Freiheitsdrange
verwilderte, aber noch nngeschwächte Natur-
kraft der siegreich vordringenden Religion
Jesu und fügte sich ihren strengen For-
derungen der Unterwerfung des Individu-
ums unter das Alle verpflichtende höhere
Gesetz mit grollendem Widerstreben.

Doch nachdem der Same des Wortes
Christi und seiner umschaffendeu Bildung
in immer weitere Kreise gestreut war,
zeitigte diese auch bald schöne Blüten und
Früchte am Baume der Künste. Das
unverdorbene, gefühlskräftige deutsche Ge-
müth versenkt sich ganz in die Schön-
heit seiner immer tiefer erkannten, weil
nun lebendig durchlebten und empfundenen
neuen Religion. Diese Religion wird für
den Germanen Erzieherin, nicht nur atif
ihrem ureigenen Boden, sondern auf allen
Gebieten des Lebens, und nicht am wenig-
sten ans jenem -der Künste. Nur so
lange und so stark dieser segensvolle Ein-
fluß wirkte, erreichten und bewahrten letz-
tere ihre höchste Blüte.

Mit der fortschreitenden religiösen Bil-
dung hielt die Bethätigung des künstlerischen
Vermögens gleichen Schritt. Die Plastik
eilte, nachdem sie einmal Raum gewonnen,
der Malerei in künstlerischer Formvoll-
endung meist überall voraus. Die Meister
wachsen nicht gleich aus dem Boden. Es
sind zunächst Lehrlinge, die noch in un-
beholfener Weise, folgend dem angeborenen
künstlerischen Drange, mit dem Stoffe
ringen. Doch Erfahrung und Uebung thnn
das Ihrige. Schule und Tradition, Vor-
bild und eigene Begeisterung bilden beit
Lehrling und Handwerker zum formge-
wandten, schönheitskundigen Meister aus.—
Wenn die größte Meisterschaft darin be-
steht, durchaus innerhalb der naturgemäßen
Grenzen einer Kunst sich möglichst frei zu
bewegen, dann dürften die Bildnereien vom
Ende der romanischen Periode als Meister-
werke ersten Ranges bezeichnet werden.
Der Geist beherrscht hier ganz die Materie
und formt sie zum schönen Bilde der gott-
ähnlichen Seele. Alle Gegensätze zwischen
Geist und Natur, Gesetz und Freiheit,
Pflicht und Gefühl, Seele und Leib sind
aufgehoben und klarer Friede an die Stelle
loading ...