Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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Portale und Säulen oft mit einem regel-
losen Durcheinander von menschlichen und
sagenhaften Gestalten ausstattete. Pracht-
stücke dieser Richtung sind unter anderen
das Portal von St. Jakob in Regens-
burg, dann die Säule in der Domkrypta
zu Freising; ihr achtseitiger Schaft ist mit
nach aufwärts kriechenden, krokodilartigen,
menschenverschlingenden Drachen, mit denen
Ritter kämpfen, bedeckt; das scharf unter-
schnittene Würfelkapitäl ist aus den Ecken
mit großköpfigen Adlern besetzt. Merkwürdig
durch ihren Reichthum an Skulpturen ist
die Johanuiskirche zu Gmünd (Württbg.).
Die ganze Fa^ade sammt Portal, dann
die Mauer des südlichen Seitenschiffes sind
mit vielen kleinen Reliefbildern übersäet.
Am westlichen Portal eine Krenzignngs-
grnppe, die Madonna mit dem Christns-
kinde, alles byzantinisch steif und puppen-
haft, während eine Jagdscene daneben
große Beweglichkeit und Frische zeigt. (Sig-
hart, a. a. D. S. 182 und 183.)

In der Schweiz gehören noch hieher
das Großmünster sammt seinem dem 13.
Jahrhundert ungehörigen Kreuzgang mit
ungewöhnlichem Reichthum an phantasti-
schen Gestalten und Jagdscenen; die Stifts-
kirche zu Nenchatel mit ihren Portalskulp-
turen; der Dom zu Basel mit reichen
Friesen und Darstellungen ans der Thier-
fabel.

Außer Deutschland wurde in Frank-
reich die Plastik am schwungvollsten betrie-
ben. Die vielen Reste ans antiker Periode
in Südfrankreich, die bei Neubauten in
Verwendung kamen, spornten zum nach-
ahmenden Wetteifer an. Daher haben die
dortigen Arbeiten einen gemischten Charak-
ter, den byzantinisch-traditionellen der ty-
pischen Form und den antiken der Ge-
sammtanordnung und Durchbildung der
Sarkophag-Bilder. Ein sprechendes Bei-
spiel bietet die Kirche von St. Gilles bei
Arles, begonnen 1106. Die ganze Fa?a-
denbreite durchzieht in antiker Weise ein
Architrav mit reichem Friese. Die Bogen-
selder sind mit lebhaft bewegten und spre-
chenden Darstellungen aus der Leidens-
geschichte gefüllt, während die Apostel-
statnen in den Wandnischen ebenfalls in
antiker Gewandung und feierlich ernster
Haltung erscheinen.

Derselben Zeit (1154?) dürften die

Bildwerke von St. Trophime in Arles, dem
Anfänge des 12. Jahrhunderts die Skulp-
turen in der Abtei Moissar bei Toulouse
angehören; hier die sorgfältig in Marmor
gearbeiteten Reliefbilder lebensgroßer Hei-
ligen an den Pfeilern, biblische Scenen
und Martyrien, abwechselnd mit Unge-
heuern an den Kapitälen des Kreuzganges,
Friese in der Vorhalle mit Darstellungen
aus dem Leben Jesu, den Kardinaltngen-
den, Hauptsünden und Sündenstrafen:
alles mit Sorgfalt und lebendiger Frische
behandelt. — Das umfangreichste Denk-
mal zeigt das jüngste Gericht am Portale
der Abteikirche zu Conques: in der Mitte
die streng erhabene Gestalt Christi von
Engeln umgeben, unten werden die Guten
nnb Bösen geschieden, jene zum Paradies
geführt, diese in den Schlund des Höllen-
drachen gestürzt.

Im Westen artet die Plastik, entfernt
von dem Einflüsse der schulenden Antike,
in üppige Phantastik aus, besonders in
Poitou, die an der Kathedrale von Autnn
in den Darstellungen des in seiner Art
großartigen jüngsten Gerichtes (mit seinen
um die Seelen sich streitenden riesenhaften
Engeln und Teufeln) sich zu reicher und
energischer Gestaltungskraft entwickelt.

Im nördlichen Frankreich belehren uns
unter anderen die Kathedralen von Chart-
res, Bonrges, Le Mans, St. Denis und
Notre Dame zu Paris, wie das Anschmie-
gen der Skulptur an die Architektur erstere
selbst zu einer architektonischen Starrheit
und Bewegungslosigkeit der Haltung zu-
rücksührt.

Die Figuren erscheinen wie Vorgesetzte
bekleidete Säulen, die Gewandung dicht
angelegt, mit feinen geradlinigen Falten,
die durch starke Unterschneidung wie Kane-
lirnngen aussehen; die Arme wie bei de-
müthigen Dienern des Allerhöchsten eng
an den Leib, die Rechte ans die Brust ge-
legt, die Füße fast dicht zusammengestellt,
das Haupt sanft geneigt, aber — und dies
ist etwas Neues — mit dem versuchten
Ausdruck eines individnalisirten nationalen
Typus, voll gehaltener naiver Empfindung.
Diese Beispiele sollten „die strenge Basis
bilden, aus welcher sich unter erneutem
Aufschwünge des architektonischen Schaf-
fens seit dem 13. Jahrhundert eine neue
großartige, wunderbar freie und vollendete
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