Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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einem charakteristisch gezeichneten Tenfel
in den Schlund des Höllendrachen gezoge-
nen Verdammten; die Gestalten erscheinen
in reich nud slüssig bewegter Gewandung
mit dem in der Frühgothik stereotyp wer-
denden lächelnden Ansdrnck der Köpfe, das
selbst im Weinen wie solches anssieht. In
den Archivolten hat der Künstler rechts
beit Abraham mit den Seelen der Gerech-
ten im Schooße, links einen blasenden
Engel angebracht. Ganz oberhalb des
Portales stehen: rechts die Kirche mit der
Krone ans dem erhaben-schönen Hanpte,
den weitfaltigen Mantel über dem langen
Gewände, links die Synagoge, in der
Rechten die gebrochene Fahne, die leicht
verschleiernde Binde über den Angen, im
engen, weich über den Körper abfließenden
Kleide, zwei wahrhaft prachtvolle Gestal-
ten, voll Adel nnd vornehmer Würde,
schon ganz im Charakter der besten früh-
gothischen Sknlptnren in Frankreich.

Den Uebergang in der formalen Ent-
wickelnng zwischen den Reliefs der Chor-
schranten nnd jenen der Thürbögen bilden
die Figuren an den Pfeilern des letztge-
nannten Portals, die Apostel tragenden
Propheten; sie erscheinen in mehr statna-
rischer, wie gewöhnlich etwas vorgebeugter
Haltung und ungezwungener natürlicher
Bewegung, haben einen schon besser ver-
standenen Körper und eine den ersteren
ähnliche scharf unterschnittene Draperie.

Den zwei Rnndsiguren der Kirche und
Synagoge reihen sich als verwandte die
großen Skulpturen des südöstlichen Por-
tals würdig an. Sie zeigen eine (im Vergleich
mit den Propheten) noch mehr fortgebildete
edle statuarische Haltung und zugleich eine
leichte und freie Bewegung: der hl. Kai-
ser Heinrich, St. Stephanus und ein an-
derer Heiliger mit gewandt und mannig-
faltig motivirter Draperie und realistisch
lebensvollem Ansdruck der Köpfe; die hl.
Kunigundis, — eine Fürstin voll Adel
und Würde und huldvoller Miene ■— mit
einfach noblem Fluß des losen Gewandes.
Die nackten Gestalten von Adam und Eva
stehen durchaus im Einklänge mit den
Fortschritten der schönen Gewandfignren
dieser Periode, deren Schönheitsgeheimniß
sie uns enthüllen. Dieses ist die christlich-
idealisirende Kunst, basirend ans dem wieder-
gewonnenen Verständnis; der Natur. Frei-

lich ist das idealisirende Können der Mei-
ster in der Darstellung des Nackten, in
Folge der ganzen Kunstentwickelung, noch
nicht soweit fortgeschritten, wie auf den ihrer
Beobachtung stets zugänglichen Gebieten;
die Gewandfignren sind offenbar noch
vollendeter. Aber diese zwei Steinbilder
Adam und Eva, von schlanken, etwas ma-
geren, nicht antik abgerundeten oder sinn-
lich weichlichen, doch anatomisch-schönen
Gesammtverhältnissen, zeigen jene schon
ziemlich hochentwickelte naturalistisch-ideale
Körperform, wie wir sie auch unter der
Gewandung der übrigen erkennen.

Aus derselben Zeit — etwa 1250 —
stammen die sechs großen Figuren im In-
nern des Domes, von denen besonders die
zwei Sibyllen mit prachtvoller antiker Ge-
wandung zu den schönsten dieser Periode
zählen. Auch das Reiter-Standbild des
jungen Königs Konrad III., der hoch an
der Wand aus einem nichts weniger als
schönen, naturalistisch gebildeten Pferde
in leichter Haltung sitzt, sei hier noch als
Beispiel künstlerischer Unteruehmnngslnst
erwähnt.

Die höchste Vollendung, die für die
christliche Kunst mnstergiltige Form er-
reichte die Plastik der romanischen Kunst
in den Werken der sächsischen Schule, jener
Mntterschule der Bamberger-Fränkischen,
nämlich in den Bildwerken zu

Wechsel b u r g und F r e i b e r g.

Zunächst ist die prachtvolle Kanzel in
der Klosterkirche zu Wechselburg, noch ans
dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts
stammend, zu nennen. Lebens- und aus-
drucksvolle, sowohl in der Gewandung als
den sinnigen Köpfen, schöne Hochreliefs
füllen die architektonischen Rahmen ihrer
Wangen ans: vorn der thronende Chri-
stus mit den Evangelistensymbolen, rechts
und links zu ihm gewendet Maria und
Johannes, erstere eine Schlange, dieser
eine Menschengestalt unter den Füßen;
ans den Seiten Kain und Abel mit Opfer-
gaben, das Opfer Isaaks und Moses mit
der ehernen Schlange.

Eine originelle, geradezu klassische Voll-
endung erreicht diese Schule in ihren zwei
Hauptwerken, dem W e ch s e lb nrg er Hoch-
altar und der „golden en P f o r t e" zu
Freiberg im Erzgebirge. Den ersteren,
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