Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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einen großen Steinbau, zieren an der Lett-
nerwand in Relief David und Daniel
einerseits, Salomon und ein Prophet an-
dererseits. Auf dem höheren mittleren
Bogen des Altars erhebt sich eine impo-
sante Kreuzigungsgrnppe, von bemalten
Rnndfignren aus Holz geschnitzt (1873
zu Innsbruck restanrirt). Die Enden der
Kreuzbalken gehen in dreipaßartige Bögen
mit Reliefs, oben Gott Vater mit der
Taube in der Linken, rechts und links. ein
fliegender Engel, aus. Unter dem Kreuze
sängt eine liegende prophetenartige Gestalt
in einem Kelche das Blut ans; Maria
hat die weibliche Gestalt des Judenthums,
Johannes die männliche des Heidenthums,
beide bekrönt, unter den Füßen. Der
Körper Christi ist schön und verständniß-
voll dnrchgebildet, ähnlich aber noch voll-
endeter als die von Adam und Eva an:
Bamberger Dome. Christus blickt mit
inniger Theilnahme auf Maria, diese zu
Christus aus. Sie und Johannes sind
zwei schönheitsvolle, schuldlose Gestalten
mit reichem, natürlich bewegtem Falten-
wurf, ruhiger, leidenschaftsloser Haltung,
und ausdrucksvollen Mienen voll tiefen,
aber stillen gemilderten Schmerzes. Die
hoheitsvolle, erhabene, asfektkose Schönheit
dieser Gruppe wirkt um so ergreifender
ans das unbefangene Gemüth, je weniger
sie in Folge der inneren Wahrheit des in
ihr pnlsirenden religiösen Gefühls des
künstlichen Affektes bedarf.

Mit den genannten Steinreliefs wett-
eifern die Reliefs und Rundbilder der
„goldenen Pforte" an inhaltsvol-
ler innerer und äußerer Schönheit, nob-
ler Decenz, unbefangener Bewegung, gei-
stigem Adel und hoheitsvollem, unschuldi-
gem Ausdruck der Köpfe. In dem per-
spektivisch angelegten Hauptportale wech-
seln vier nischenartig ausgehöhlte Pfeiler
mit fünf ornamentirten Säulen. An den
ersteren stehen aus vorgestellten Sänlchen
links Daniel, die Königin von Saba, Sa-
lomon und Johannes der Täufer, rechts
Aaron, Betsabe, David und ein Prophet,
über welchen Gestalten die Thiersymbole
der Evangelisten hervoragen. lieber den
Kapitälen zieht sich ein Kämpferfries mit
Blattornament hin und von diesem aus
erheben sich die Rundbögen der Archivol-
ten, entsprechend dem Charakter der Säu-

len und Pfeiler. Die Archivolten sind
mit Figuren bedeckt. Von feiner anato-
mischer Charakterisirung sind die auf den
Ruf des Engels ans ihren Gräbern Auser-
stehenden in dem äußersten Bogen; in
dem zweiten umgeben die Apostel einen
Engel, der die Seelen in Abrahams Schooß
trägt, in dem mittleren erscheint Christus
inmitten von Engeln, in dem anderen noch
Propheten und Heilige. Das so umschlos-
sene Tympanon füllt die Darstellung der
hl. drei Weisen, vortrefflich in den Raum
komponirt: in der Mitte eine erhabene
Madonna mit dem Kinde im reichfaltigen
Gewände, zu Häupten zwei Engel, rechts
die drei Weisen stehend und knieend von
seiner, gehaltener Empfindung, links ein
stehender Engel mit Lilie und Joseph in
ruhender Lage. Auf den äußersten und
innersten Säulen ruhen mächtige stilisirte
Löwen und Sirenen.

Bei diesen wie den vorigen Steinbil-
dern trinmphirt in der Thal, wie Lübke
(Plastik 474) richtig bemerkt, die Feinheit
und Vollendung des Stils über die Un-
gnnst des Materials (rother grobkörniger
Sandstein). Die Gestalten haben das
gleiche anmnthige, jugendliche Gepräge, die-
selbe Innigkeit des Ausdrucks, den weichen
Fluß der Gewänder, das allseitig ent-
wickelte Formenverständniß. Hier ist nichts
Unfreies mehr, aber auch nichts von dem
Konventionellen der gleichzeitigen gothischen
Skulptur.

Airchenuhren.

ui.

(Schluß.)

Es wäre aber unvollständig und ungerecht,
wenn wir versäumen würden, wenigstens
einige der Thnrmnhrenfabrikanten in unse-
rem Lande zu erwähnen, deren Werke be-
sondere Empfehlung verdienen. Ihre Fabri-
kate sind zwar in den Einzelheiten der Kon-
struktion wesentlich verschieden von den in
letzter Nummer besprochenen, aber doch in
ihrer Art korrekt entworfen rrnd solid aus-
geführt rrnd darum arrch preiswürdig und
empfehlenswerth. Man darf eben nicht ver-
gessen, daß in der lthrenmechanik oft vieler-
lei Jdeeir zur Erreichung eines und desselben
Zwecks anwendbar sind und, wenn sorgfältig
ausgeführt, zu brauchbaren Resultaten führen.

Sprechen wir zuerst von dem System
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