Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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Die Musterschule der monumen-
talen Malerei.

Von Prof. vr. Keppler.

(Fortsetzung.)

Es ist wahr, die Sieneser Schule befaßt sich
viel mit den Aenßerlichkeiten; das Detail wird
namentlich aus Tafelbildern mit minutiöser
Sorgfalt behandelt; wo Giotto mit einigen
Strichen fertig wäre, da verwenden sie fast
übertrieben viel Zeit daraus, Pracht und
Prunk zu entfalten in Teppichen, Tapeten,
Kleidern, in flott aufgepntzten Goldgründen,
in schimmernden mit seinen Dessins durch-
zogenen Heiligenscheinen, in der ans Glanz
und Effekt abzielenden Kolorirnng. Aber
dieser Prunk ist weit entfernt, den Bildern
einen weltlichen Anstrich zu geben; denn
man sieht, daß er nicht aus Eitelkeit und
Prunksucht angebracht ist, sondern im Stre-
ben, für die heiligsten Gedanken und Gefühle
auch das bestmögliche Gewand zu schassen.

b) Auch diese Schule inaugnrirt sich
mit einem Madonnen bi ld, einem Ta-
felbild, in Tempera gemalt, von Guido
da Siena (wahrscheinlich Guido Gra-
ziani, seit 1278 nachweisbar) in San
Domenico in Siena (zweite Kapelle links
vom Ehor). Der nach Wort und Sinn
gleich weichen Inschrift

»Me Guido de Senis diebus depinxit

amenis,

Quem Christus lenis nullis velit agere

penis«

ist die Jahrzahl 1221 vorgesetzt. Wäre
diese chronologische Angabe richtig, so wäre
diese Madonna älter als die von Cima-
bue und es wäre in ihr die erste Ankün-
digung einer neuen Zeit gegeben; dann
wäre Siena Florenz znvorgekommen. Aber
man ninnnt hentzutag allgemein an, daß
ein Restaurator die ursprüngliche Jahrzahl
1271 oder gar 1281 hinanfdatirt hat.

Der ganzen Anlage nach ist das Bild
byzantinisch: die steife Haltung der ans
dem Thronsessel sitzenden Figur, die lang-
geschlitzten Augen, die großen Augen, die
herabgezogenen Mundwinkel, die durch
einen derben Rnndbogenstrich gegebenen
Augenbrauen, die schlecht gezeichneten
Hände, eine, gewisse Grämlichkeit und Mo-
rosität der Gesichter, die häßlichen Engel,
— all das sind Erbstücke der alten Kunst.

Und doch zieht durch das Bild das Wet-
terleuchten einer neuen Zeit. Der Anö-
drnck einer gewissen Wehmuth im Gesicht
Mariens, die rechte Hand, welche ans das
Kind hinweist, das der Mutter in weicher
Bewegung zugewendete Antlitz des Kindes,
— das sind Spuren eines neuen Geistes.
Eine freundliche Kolorirnng dämpft sodann
jene Mißtöne und gibt dem ganzen Bild
eine ergreifende, melancholisch weiche Stim-
mung. In ihr kündigt sich die an-
muthige poetische Richtung der sienesischen
Schule an.

c) Die Stelle, welche Giotto bei den
Florentinern einnimmt, füllt Dnccio di
B n o n i n s e g n a (geb. ca. 1260) in der
Sieneser Schule ans. Er schuf nicht in
einem Freskencyklns, sondern in einem
zweiseitig bemalten Tafelbild von unge-
heuren Dimensionen in ähnlicher Weise ein
Kompendium der sienesischen Kunst, wie
die Arenakapelle ein solches der florenti-
nischen genannt werden kann. In einem
ehrenvollen Schreiben erhielt er vom Ma-
gistrat den Auftrag, dies Altarbild für den
Dom zu liefern, und er versprach, so gut
zu arbeiten als er könne und wisse und
der Herr es ihm verleihen werde. Rach
zwei Jahren war das Werk fertig; Volk,
Magistrat, Geistlichkeit und Ordensleute
geleiteten es im Triumphzng in den Dom.

Kaum ein Jahrhundert später folgte
freilich für das Bild auf den Triumphzng
ein Martyrium. Man nahm es vom Al-
tar herab, warf es in eine Kammer, schlug
die reichen Rahmenverziernngen ab, sägte
es mitten entzwei und henkte es schließlich
stückweise an verschiedenen Orten ans. Die
beiden Hälften findet man jetzt an den
beiden Enden des Qnerschiffs, die Predella
in der Sakristei des Domes.

Die Bedeutung dieses Bildes
liegt in zwei Momenten, einem praktischen
und theoretischen. In einem praktischen:
es ist das größte und großartigste An-
dachtsbild, welches die Welt bis dahin ge-
sehen hatte; hierauf wird zunächst der Ju-
bel des Volkes zu beziehen sein. Die
theoretische Bedeutung aber liegt darin,
daß auf dieser Altartafel zugleich der Kate-
chismus angeschrieben ist für die ganze
sienesische Schule.

Auf der einen Seite, man kann sie den
lyrischen Theil des Gedichtes in Farben
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