Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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listen selbst, sondern auch auf Christus. Der
hl. Augustinus sagt (Serm. 210, 5): natus ut
homo, operatus ut leo, immolatus ut vitulus,
volavit ut aquila. St. Hieronymus: qui fremuit
ut leo, qui volat ut aquila, qui dicit ut homo,
qui immolat ut sacerdos — — Christus homo
nascendo, vitulus moriendo, leo surgendo,
aquila est ascendendo. Eine gleiche Erklärung
siudeu wir auch im Mittelalter. Ein Evangc-
liarinm in Solio, welches der hl. Kapelle
in Paris von Karl V. im Jahre 1379 ge-
geben wurde, enthält folgende Verse, welche
die Erklärungen kurz wieder geben, die man
im Mittelalter für diese geheimnißvollen
Attribute gesucht hatte:

„Quatuor haec dominum signant animalia

Christum.

Est homo nascendo, vitulusque sacer moriendo.

Est leo surgendo, coelos aquilaque petendo.

Nec minus hos scribas animalia ipsa figurant.

Bei Matthäus also wird Christus als
Mensch geboren, er stirbt als Opfer beim
hl. Lukas, als Löwe steht er auf beim hl.
Markus und er steigt mit dein Adler des
hl. Johannes gegen den Himmel.

Die vier Symbole der Evangelisten werden
auch oft in eine einzige Gestalt, das sog.
Tetramorph (d. i. Viergesicht) zusammen-
gezogen und tvie nach Ezechiel (1, 5-12)
die einzelnen Gestalten Flügel haben, so auch
das Tetramorph, das gleichfalls nach diesem
Propheten entstand, der da sagt, daß Vier-
Gesichter und vier Flügel in einer Gestalt
sich vereinigten. Diese Verbindung fand
schon sehr frühe statt, weil, wie die Kirchen-
väter sagen, die vier Evangelisten im Geiste
doch nur ein Einziges sind. Ein bekanntes
Exemplar zeigt ein Evangelienpult in Ulm.

Eine bizarre, nicht nachzuahmende Idee
ist es, den inenschlichen Gestalten der Evange-
listen die Köpfe der symbolischen Thiere
aufzusehen, wie es namentlich in vielen mit-
telalterlichen Miniaturen zu treffen ist.

Nachtragsbemerkungen zur Nürnberger
Ausstellung.

Aus beruflichen Gründen konnten wir die
internationale Ausstellung von Arbeiten ans
edlen Metalle>i und Legirungen erst in den
letzten Wochen ihrer Dauer besichtigen, daher
auch in diesen Blättern keine zum Besuch
einladende oder beim Besuch orientirende
Besprechung derselben geben. Wir wollen
aber jetzt, nachdem der Schluß der Ausstel-
lung erfolgt ist, wenigstens in einigen Worten
ans sie zurückkommen, denen, tvelche sie ge-
sehen, zur Auffrischung der Erinnerung, dcil
andern zu einigem Ersatz für den ihnen ent-
gangenen Kunstgenuß. Sollen die Ausstel-
lungen über das Niveau der Jahrmärkte

erhoben werden und sollen sie einen wirk-
lichen segensreichen Einfluß auf Kunstgewerbe
und Industrie ansüben, so muß man — das
wurde in Nürnberg richtig erkannt — an
Stelle der Weltausstellungen und allgemeinen
Ausstellungen die Fachausstellungen treten
lassen. Hier läßt sich noch einigermaßen
Vollständigkeit und Uebersichtlichkeit, gründ-
liche Belehrung und instruktive Anlage ea-
streben und erreichen. Das Gebiet, welches
die Nürnberger Fachausstellung für sich be-
legte, ist ohne Zweifel ein höchst interessantes;
es ist zugleich ein Gebiet, ans welchem die
kirchliche Kunst von den ersten Zeiten an
daheim war und das sie mit ihren herr-
lichsten Schöpfungen und Meisterwerken be-
reicherte. Daher konnte and) die kirchliche
Kunst von dieser Ausstellung nicht ausge-
schlossen werden. Selbstverständlich reden
wir hier allein von ihr.

Wir begegneten ihr in der historischen und
in der modernen Abtheilung, nichEallzuhäufig
in der ersteren, spärlich in der letzteren. Aus
manchen Anzeichen glaubten wir schließen 31t
müssen, das die Ausstellungkommissioil aus
ihre Vertretung kein übergroßes Gewicht ge-
legt habe. Von Juternationalität konnte in
Beztig ans die kirchliche Kunst die Rede nicht
sein; außcrdeutsche Werke fehlen ganz; einen
großen Kasten füllten Werke aus Einer
Gegend, lieber die Geschichte der kirchlichen
Metallkunst einen lieberblick zu gewinnen,
war nicht möglich; die Lücken waren 31t
groß, Zeiten und Länder 31t ungleichmäßig
vertreten, das 15. und 16. Jh. 31t unver-
hältnißmäßig stark berücksichtigt. Der Katalog
wollte zwar zu einer chronologischen Be-
trachtung anleiten, indem er die Gegenstände
wenigstens in solgeitde Rahmen brachte:
vii. Jh. v. Ehr. — in. Jh. n. Ehr., m.
bis VIII. Jh., VIII-XVI. Jh. u. s. f.; al-
lein in der Ausstellung war die Katalog-
reihenfolge nicht eingehalten worden; alle
Nummern, Gegenstände, Zeiten waren durch-
einander gestellt: neben den Pokalen die
Meßkelche, neben Häringsmaaß das Osten-
sorium neben Nro. 344 Nro. 907. Dadurch
wurde jeder Versuch, die kirchliche Kunst in
ihrer Entwicklung zu studiren, zum voraus
verleidet und unmöglich gemacht. Unsers
Ermessens hätte die kirchliche Kunst auf
dieser Ausstellung wenigens einen eigenen
Platz für sich beanspruchen dürfen, und es
hätte doch wohl müssen möglich sein, die
Aufeinanderfolge im Katalog auch iu der
Aufstellung durchzuführen. Ob es auch in
der Macht der Kommission gelegen gewesen
wäre, die moderne kirchliche Ausstellung
günstiger zu gestalten, entzieht sich unserer
Beurtheilung.
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