Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 118
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Doch vergessen wir nicht über dem, was
wir vermißten, das was vorhanden war.
Numerisch am stärksten vertreten waren
die Kelche. Doch gehörten die ansgestellten
Exemplare ausschließlich dem gothischen und
Renaissance-Stil und dem 15. und 16. Jh.
an; ihrer größeren Zahl nach sind sie Eigen-
thnm der evangelischen Landeskirche Augs-
burgischen Bekenntnisses in Siebenbürgen. Ein
gewisser Stufengang in der Behandlung dieses
kirchlichen Gefässes war wohl ;u verfolgen.
Ein Kelch von Schellenberg (Siebb.) zeigte
den ganz unvermittelten llebergang vom Fuß
zum Schaft; der unter bent ganz schmuck-
losen Nodus sich trichterförmig erweiternde
Schaft ist einfach in den runden, ebenen,
nicht ansteigenden Fnßteller eingelassen. Die
hieraus entstehende harte Brechung zweier
Linien, sucht ein Kelch aus Hahnbach wenig-
stens etwas zu runden; er stellt so den
llebergang her zu den sauft geschwungenen
Linien, in welchen ein besseres Kunstverständ-
niß den Fuß in den Schaft emporleitet.
Diese waren schon wahrzunehmen bei den
sonst sehr einfach gehaltenen Kelchen von
Radeln, Mettersdorf, Klosdorf, Michelsberg
(Siebenbürgen); der sechsblättrige Fuß ent-
behrt hier allen weiteren Schmuckes; um die
Kuppa ist beim erstgenannten ein einfaches
Schristband gewunden; das mit vierkanti-
gen Bossen oder Zapfen im Kreuz durch-
zogene Pomellum ist mit eiugewirktcm Laub-
ornament geschmückt nnb unter und über
dem Nodus ist ein mit Buchstaben besetztes
Band die einzige Zierde. Gleich einfachen und
charaktervollen Ausbau zeigt ein Kelch von
St. Lorenz in Nürnberg, dessen große Kuppa
mit den steilaussteigenden Wänden sowenig
besonders verziert ist, als die Fußfläche; da-
gegen ist der Fnßrand und ebenso der Schaft
über und unter dem Knaus mit durchbrochenem
Vierpaßornament schön belebt. Bedeutend
reicher behandelt ist ein Kelch aus der Se-
baldkirche, welcher eine sehr glückliche, leichte
Ueberleitung vom Fuß zum weitausladenden
Knauf und von da zur Kuppa ausweist,
zugleich aber bis in die Mitte der Kuppa
von aufgesetzten getriebenen Laubornamenten
köstlich umsponnen ist. Ein Kelch aus
Mediasch (spätgoth.) erreicht nicht die ein-
fache Schönheit seines Aufbaus, übertrisft
ihn aber an Reichthum der Dekoration;
hier hält sich das aufs feinste gearbeitete
Laub-, Ranken- und Blnmenwerk nicht mehr
platt an die Fläche angeschmiegt; es wächst
und wuchert empor, windet sich vom Fuß
aus am Schaft hinauf, und umrankt den
sechseckigen sternförmigen Knauf und die
ganze Bauchung der Kuppa. Wenn beim
Anblick dieses Meisterwerks auch praktische

Bedenken aufsteigen und man sich fragt, wie
die verschlungenen, sich weit hervor und hoch
hinaufwagenden Ornamente zur Benützung
beim Gottesdienst und zu Reiniguugsver-
suchen sich stellen mögen, so ist doch die
Ausführung von solch nobler Pracht, daß
man ein Staunen nicht unterdrücken kann.
Eine originelle geschmackvolle Verzierung,
welche Nachahmung verdienen würde, war
zu sehen, an Kelchen aus Tartlau (1529)
und aus Reps. Ihr Schmuck besteht aus
aufgelegtem Filigran; beim einen sind die
sechs Felder des Fußes, beim andern die
Kuppa mit Filigranstreifen umsponnen, in
welche Goldperlen eingestreut sind, so daß
Fuß und Kuppa mit einem köstlichen Netz
umzogen erscheinen.

Ans der nicht sehr großen Zahl alter
Bronze-Crucifixe ist hervorzuheben das
dem Gewerbemuseum zu Nürnberg gehörige,
dem Giovanni di Bologna zugeschrieben, (dem
auch im Museum in Sigmaringen drei Stücke
zugeschrieben werden) von hoher Vollendung.
Außer einigen charakteristischen Mustern von
Rauchfässer n (interessant ein Exemplar
mit rundem Körper, ganz ebenem Boden und
kleinen Füßchen, ans dem großh. Antiquarium
in Mannheim), von Wasserlöwen (Aqua-
manile), nennen wir ein Schiffchen von
Kupfer mit Grubenemail (Eigenthum des
Fürsten von Liechtenstein), als Beweis, wie
das Mittelalter auch für Geräthschasteu unter-
geordneter Bedeutung noch Kunstschönheit
und Pracht übrig hatte, sodann Reliqui-
arien aus dem Besitz von Hemberger in
Frankfurt (verkäuflich), dem Fürsten von
Oettingen-Wallerstein und dem Stadtmagistrat
in Nürnberg. Das letztere ist ein großer Schrein
150 cm lang 100 cm hoch, in der üblichen
Form eines goldenen Hauses erbaut. Die
Wandflächen der Lang- und Schmalseiten
sind durch Strebepfeiler und Wimperge in
Compartimente getheilt, in welche getriebene
silberne Flachfiguren eingesetzt sind; die
schrägen Dachflächen sind mit Messingziegeln
belegt und den Dachfirst ziert eine luftige
Krönung. Störend ist die rohe Art, in
welcher die silbernen Figuren eingesetzt sind;
es wechseln je zwei gleiche Figuren mit ein-
ander ab, was zum Schluß berechtigt, daß
die Platten aus mechanischem Weg hergestellt
d. h. wohl gepreßt und dann mit der Hand
nachgearbeitet wurden; da nun die letzten
zwei Compartimente nur halb so groß sind,
als die anderen, so hat man die Figuren
einfach entzweigeschnitten und so verstümmelt
angebracht, — gewiß ein rücksichtsloses Ver-
fahren. Monstranzen waren nur zwei
da, eine gothische von vergoldetem Kupfer,
ausgestellt von Pickert in Nürnberg von ge-
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