Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

Seite: 119
DOI Heft: 10.11588/diglit.15861.63
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15861.67
DOI Seite: 10.11588/diglit.15861#0123
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1885/0123
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
119

wohnlicher Form ohne feine Durchführung
und die herrliche Monstranz aus dem Kloster
Heiligkreuz in Donauwörth, jetzt im Besitz
der Fürsten von Oettingen-Wallerstein, von
1513, 130 cm hoch. Dieses Prachtstück war
ungeschickt postirt, so daß man den oberen
Aufbau kaum sehen konnte. Die Konstruk-
tion zeigt die kühnen überreichen architek-
tonischen Formen der Spätgothik; mit ihr
verwächst der Stanimbaum Jesse, welcher
aus der Brust des am Fuß der Monstranz
gelagerten Stammvaters in zwei Aesten sich
am Schaft emporrankt und mit den Blüten-
kelchen stammt Ahnenbrustbildchen die viereckige,
edelsteinbesetzte Sakramentsnische flankirt;
über der Nische sind unter reichem Baldachin
die drei Kreuze angebracht, darüber die
Madonna mit vier Heiligen, über ihr Jesus
Salvator und zn oberst ans der hoch hinauf-
geschwnng.enen Schlnßfiale ein Adler mit
ausgebreiteten Flügeln. — Wie man selbst
ein Geräth, das nur als nothwendiges llebel
in Kirchen Berechtigung erlangen kann und
an sich durchaus umdeal ist, noch künstlerisch
schön gestalten kann, zeigten vier Klingel-
beutel ans den Lübecker Kirchen, im Re-
naissancestil; das sind keine Beutel, sondern
silberne cylindtische Gefässe niit fein ciselirter,
durchbrochener Ornamentik, an silbernem
Schaft, der mit kleinen Glöckchen besetzt ist (eilt
ganz ähnliches Muster int Museum in Sig-
maringen). Daß ntan aber ein altes gothisches
Ciborium mit Charnier-Pyramidendekel und
ein Gefäß für die hl. Oele, im Dreipaß
gebaut (Kirche in Großschenk und Michels-
berg, Siebenbürgen) im kunstverständigen
Nürnberg als „Weihrauchgefässe" deklariren
konnte, war mir unbegreiflich; wenn sie von
jenen Kirchen als solche eingesendet wurden,
fo hätte doch sollen der Fehler korrigirt
tntd beit betr. Kirchen nahegelegt werden,
daß sie die hl. Gefässe, deren Bestimmung
sie nicht einmal mehr kennen, wieder an
katholische Kircheit abtreten sollen.

D och es ist Zeit, daß wir auf die ttt o -
dernen L e i st tt tt g e tt auf kirchlichem Kunst-
gebiet zu sprechen kommen. Einige Worte
genügen hier. Franz Wüsten in Köln
hat kirchliche Gegenstände von vollendeter
Tüchtigkeit und Schönheit ansgestellt, eine
Monstranz für Vacharach, gebaut nach dem
Muster der Fritzlarer, im gothischen Stil,
von architektonischer Haltung, und eine ztveite
für die Remiginskirche in Bonn, bereit Haupt-
körper sich auf einem gleichseitigen Dreieck
aufbaut; der Glascylinder für Aufnahme des
Sanktissimum ruht auf einer reich mit Email
geschmückten Kugel. Emailbilder auf ver-
goldetem Kupfer und Silber zeigen die voll-
endete Meisterschaft in der Emailtechnik.

Am reichsten hat in Kirchensachen Archi-
tekt Th. Prüfer ausgestellt, der in Berlin
ein Atelier für Kirchenban und Kirchenans-
stattnng hat. Von ihm waren drei Kron-
leuchter (zn 16, 24, 48 Lichtern, aber mit
viel zu kleinen Lichterschalen) zu sehen, nach
guten alten Mustern, z. B. dent Combnrger,
gearbeitet. Auch ein Adlerlesepnlt und Kelche
zeigen durchweg tüchtige Studien der alten
Kunst. Uebrigens sei sogleich beigefügt, daß
es sich hier um Utensilien für protestantische
Kirchen handelt; das verräth schon die In-
schrift an einem kleinen Futteralkelch: „Ver-
sehbcsteck", — ein häßlicher, nach Wirths-
hans duftender Ausdruck; die Kelche sind
auch alle aus vergoldetem Kupfer, ein Ma-
terial, welches wir für unseren Gebrauch nicht
adoptiren können. Wenn daher auch von
Empfehlung des genannten Ateliers für Be-
stellungen seitens katholischer Kirchen Abstand
genommen werden muß, so freuen wir uns
doch aufrichtig, daß auch ans protestantischer
Seite immer mehr die Erkenntniß durchbricht,
daß die wahren Muster für kirchliche Ge-
räthschaften int katholischen Mittelalter zu
stichen siitd.

Traurige Gebilde sind die von Metall-
drucken K ö n i g int Bamberg ausgestellten
nensilbernen Altarlenchter; ist schon die hier
zur Verwendung gebrachte Techttik eilte wenig
solide, so sind auch die Formen sehr geschmack-
los; die angeschriebene Bemerkung: „die

romanischen Altarlenchter siitd nach Archi-
tekturmotiven vom Dom zu Bamberg aus-
geführt", mußte sich wohl auf ganz andere,
als die (int Oktober) ausgestellten Leuchter
beziehen; denn an den langen Stangen dieser
Leuchter war nichts, was an beit romanischen
Stil, oder an Architektnrmotive, oder an den
Dont zu Bantberg erinnert hätte. Dagegen
ist als tüchtige und geschmackvolle Eisen- und
Knpferarbeit der von Seitz in München
ansgestellte Weihwasserkessel auf eisernem
Ständer lobend zn erwähnen.

Man sieht hieraus, wie von einer reicheren
oder glänzenden Vertretung der neueren kirch-
lichen Kunst auf dieser Ausstellung nichts zn
finden war. Woran die Schuld lag, wissen
wir tticht, kennen attch die Motive nicht,
warum z. B. tüchtige Arbeiter wie Banholzer
in Rottweil, Feuerstein in Freiburg, dann
die anderen Kölner und Rheinischen Meister
nicht ansgestellt haben. Wenn Schett vor
dem großen Markt und vor der lieberfülle
von profanen Schninckstücken Ursache der
Fernhaltung war, so wissen wir das zn wür-
digen und zn achten. Auch nach unserer
Ansicht soll die kirchliche Kunst, die alte und
nette, sich nicht als Annex profaner Ans-
stelltingen behandeln lassen, sondern für sich
loading ...