Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 3.1885

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in eigenen kirchlichen Ausstellungen auf-
treten.

Gerne hätten wir anstatt leerer Beschrei-
bungen unseren Lesern einige Hauptstücke der
alten Kunst in Nachbildungen mitgebracht.
Daher waren wir sehr erfreut zu lesen, daß
ein illustrirter Katalog die Führerschaft in
der Ausstellung übernehme; wir hofften
von seinen Illustrationen für unser Blatt
Gebrauch machen zu können. In der heutigen
Zeit der wohlfeilen Reproduktionen sollte ja
in der That der Katalog einer Ausstellung
neben der Beschreibung auch eine wenn noch
so kleine und einfache Zeichnung der haupt-
sächlichsten Gegenstände enthalten. Jllnstrir-
ter Katalog •— das ist also eine sehr kluge,
dankenswerthe Einrichtung; hoffentlich sind
auch der alten kirchlichen Kunst einige Tafeln
oder wenigstens Text-Illustrationen zuge-
wendet worden. Wir öffnen, — wir blät-
tern, -— nichts als Text . . . der Katatog
ist zu Ende, — die Annoncen beginnen, —
da sind allerdings Illustrationen: Fabriketa-
blissements, Fabrikmarken, Maschinen k., aber
die können doch wohl nicht gemeint sein. Wir
schütteln den Kopf und wissen die Geheim-
nisse des „illustrirten Katalogs" nicht zu fin-
den, bis wir am Ende der letzten Textseite die
verschämte Bemerkung lesen: „die Zierleisten
und Initialen für ben Katalog hat die
Kaiserl. Reichsdruckerei in Berlin zu be-
schaffen die Güte gehabt." Bein: nochmaligen
Durchsehen ftttben wir nun allerdings einige
Initialen, Schlußvignetten, Zierleisten, und
es wird uns klar, daß diese dem Katalog
den Namen eines illustrirten Führers ein-
getragen, aber noch klarer wird uns, daß es
denn doch lächerlich ist, von solch unschuldiger
Dekoration einen solch vielversprechenden,
hochtönenden Titel herzuleiten.

Es waren aber nicht einmal photographi-
sche Ausnahmen von den alten Gegenständen
zu habeu; das war mir förmlich unbegreiflich;
bei den heutigen Fortschritten der Photo-
graphie sollte man doch eine Ausstellung vor
allem dazu benützen, um die ans aller Welt
zusammengetragenen Gegenstände photogra-
phisch aufzunehmen; so erst kann ja die
Wirkung der Ausstellung sozusagen sixirt
itiib in weitere Kreise getragen werden.

Als Ersatz dafür bieten tvir unseren Lesern
eine Tafel mit Abbildungen von Kirchen -
geräthen aus d e m S ch a tz e der Hei-
lig kr euz kir ch e in Gmünd. Da fällt
vor allem ins Auge die große gothische
silberne Monstranz. Zur Hauptpyramide
leiten die zwei Fialenthürmchen aus beiden
Seiten hin; der Mittelbail hat zum Haupt-
körper die ziemlich soliden und massiven, da-

bei doch aller Schwere entledigten imitirten
Mauerwände mit den beiden offenen Rnnd-
bogenfenstern oder Nischen; zwischen ihnen
steht der Glascylinder mit seiner überaus
reichen Krönung die theils ans den Seiten-
wänden aufrnht, theils von zwei köstlichen,
aus gewundenen Baumstämmchen gebildeten
Säulchen getragen wird. Eine Eigenthüm-
lichkeit ist der gebuckelte Fuß, Nodus und
Hals des Unterbaus, welche an die Ananas-
pokale erinnern; die Fußleiste ist mit einer
seinen Nebenguirlande umschlungen. Die reiche
Fülle kleiner Statuettchen, die sehr glücklich
angebracht sind, erhöht die Wirkung des
Ganzen.

Sehr interessant und von hoher Schönheit
ist aber auch die andere Monstranz im Re-
naissancestil, welche sichtlich noch Reminis-
cenzen an den gothischen Hochbau an sich
trägt. Bei ihr sind Säulchen die konstruk-
tiven Elemente; ans dem Boden, der das
Schangefäß trägt, bauen sich zwei niedliche
Sockel ans; sie tragen zwei Säulchen, die
den Cylinder slankiren und ans ihren Kapi-
tellen balusterartige Verlängerungen tragen;
an diese Baluster stemmt sich mittelft ge-
schweifter Bindeglieder der baldachinartige
Oberbau an, der oben in eine Nische für
das Madonnenbild verläuft; an den Sockeln
der beiden Mittelsänlen aber siud mittelst
konsolenartiger Ansläufer noch zwei kleine
Nebensäulen befestigt, welche oben durch einen
Baldachin mit den Kapitellen der Mittel-
sänlen verbunden sind und Nischen bilden
sür zwei Engel mit Leidenswerkzeugen. Die
Pyxis mit dem Glascylinder ist für sich be-
handelt und kann herausgenommen werden;
besonders schön ist auch der Fuß, nament-
lich dessen Ueberleitung in den breiteren Auf-
bau. Die einzelnen Glieder sind von seiner
Zeichnung und delikater Ausführung. Wem
möchte es je einsalleu, dies herrliche Meister-
stück voll Charakter und Geschmack scheel
anzusehen, weil es nicht gothisch ist, die
Rose zu schelten, weil sie nicht Lilie ist?

Beachtenswerthe Werke der Renaissance
siud auch die silberne Lampe mit ihrem wun-
dervollen Ansbail und ihrer prächtigen Orna-
mentik, welche von dein links hängenden,
ebenfalls gut geballten Rauchfaß nicht erreicht
wird, dann das Schiffchen mit dem Delphin-
Fuß und die vergoldete Platte mit den
Kännchen, welche wohl zum Feinsten ge-
hören, was wir in Deutschland an solchen
Arbeiten haben. — Kepple r.

lstczu eine Beilage: ^echs perlett aus dem
Rircheuschatz der bjeiligkreuzkirche in Gmünd,
sowie Titelblatt und Register.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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