Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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scheint, daß die Gemeinden die Pfennige
ihr entgegenbringen, damit sie sich Tempel
des Ruhmes baue.

Ich sah iu meinen Herbstreisen — nicht
in unserem Lande — eine in schlichtem
gothischen Stil neu erbaute Kirche. Zur
Einwölbung reichten die Mittel nicht,
daher man die Kirche, was ganz zu loben,
flach eindeckte. Für ein Transept lag bei
dieser Kirche weder ein Bedürfniß noch
aber auch der nöthige Platz vor. Aber da
es für einen Architekten doch eine Schande
wäre, eine gothische Kirche ohne Transept
zu bauen ■— hat doch auch der Kölner
Dom ein Transept — so mußte die
Kirche ein Transept erhalten, und da der
Raum zu einem größeren nicht reichte, so
wurde ein Querschiff angefügt, das netto
einen Meter auf beiden Seiten ausladet.
Für diese zwei Streifen, welche zum Aus-
hängen der Kappen oder Abstellen der
Schirme, — sonst sicher zu nichts, dienen
kann, mußte die Stiftungskasse zwei kolos-
sale Giebelmauern nebst Dächern bestreiten.
So wäre manches Beispiel anzuführen, wo
eigentlich Eitelkeit als einziges Motiv der
Verschwendung von Formen und Geldern
— oft die Pfennige des darbenden Arbeiters
und der armen Wittwe! — gedacht werden
kann. Das ist dann das verdiente Ver-
hängniß dieser Eitelkeit, daß sie meist ihren
Zweck erst nicht erreicht, nicht zu Ruhm,
sondern zur Lächerlichkeit gelangt; denn
Eitelkeit hat noch nie etwas wahrhaft großes
geschaffen.

Dieser Mangel an Sinn für das praktisch
Nothwendige und an einem konstruktiven
Gedanken, der das Ganze mit allen Eiu-
zelnheiten beherrscht und bestimmt, tritt
aber noch häufiger an Altarbauten
störend hervor. Den ernsten romanischen
Stil, der vor allem Konstruktion verlangt,
hat man vielfach in einen modern süßlichen
Salonstil, „neuromanisch" genannt, um-
gemodelt, der Säulchen, Kästchen, Nischen
und Thürme aufeinander setzt, wie die Kinder
ihre Bauhölzer. Iu den gothischen Altar-
neubauten aber hat sich vielfach ein ödes
Einerlei eingenistet, das mit seiner Lange-
weile einen angähnt; drei Nischen mit
vier Fialen und einer Pyramide über der
Mittelnische mit dem Tabernakel, das ist
das allmälig zu Tod gerittene Paradigma,
bei vielen der einzige konstruktive Gedanke;

armselige Verlegenheitssormen müssen die
Verbindung zwischen diesen Theilen Her-
stellen ; jüngst sah ich einen Entwurf, der
zwischen die Nischen zwei Bretter mit aus-
gesägten Kreis- und Dreipaßornamenten
eingeschoben hatte! Und doch ist es oft
noch das beste, wenn man sich an jenes
Paradigma hält; dann entstehen doch wenig-
stens keine Altäre, bei welchen der Taber-
nakel im Aufbau vergessen wurde und nur
noch wie ein Schmuckkästchen, — nein,
dazu hat es manchmal nicht mehr gereicht,
wie ein Milchkästchen s. v. v. auf den
Altartisch gestellt werden konnte.

Daß die kirchliche Malerei auf
einer Stufe der Vollendung, auch nur in
sehr relativem Sinn dieses Wortes, an-
gelangt wäre, kann leider ebensowenig be-
hauptet werden. Nie vielleicht seit den
Zeiten des Mittelalters ist sie häufiger
herbeigerufen worden, um die Gotteshäuser,
Wände und Altäre zu schmücken, nie sind
für diese Zwecke die Mittel reichlicher ge-
flossen, als gerade heutzutag. Darin zeigt
sich ja ein schöner Triumph der Bestrebün-
gen der Kunstvereine. Aber leider sind auch
auf keinem Gebiet mehr Mißgriffe zu be-
klagen und liegen auf keinem mehr Ur-
sachen zu schweren Besorgnissen vor.

Wie oft vermißt man hier jene Tugend,
ohne welche keine andere leben kann, ohne
welche kein großes und gutes Werk irgend
welcher Art zu denken ist, ■— die Klug-
heit! Hartnäckig bemalt man Wände,
von welchen man zum voraus mit abso-
luter Sicherheit es sagen könnte, daß
Salpeter und Nässe in ihnen den Sitz auf-
geschlagen haben und die Bilder im Lauf
weniger Jahre durch, deren Bohren, Nagen
und Fressen bis zur Unkenntlichkeit ent-
stellt sein werden. Man bemalt die Wände
bis herab auf den Fußboden, auch an
Stellen, wo man sicher weiß, daß in den
nächsten 14 Tagen die Malerei durch die
vorbeigehenden Kinder und Erwachsenen
völlig abgerutscht sein werde. Man bemalt
den Sockel mit beimfarbenem Marmor, und
das selbst in Italien und Tirol, wo man
nach wirklichem Marmor nur die Hand
ausstrecken dürste. Auf meiner Herbstreise
sah ich eine Kirche frisch bemalt mit figür-
lichen Darstellungen, die fast bis zum
Fußboden reichten, — und der Pfarrer
sagte mir selbst, daß die ganz durchfeuchtete
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