Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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stalt nur noch das Sprechen vermißt, denn
daß sie ihm ein freundliches Gehör schenkt,
fühlt er (Sonnette 56, 57; das Bild ist
verloren gegangen). Ein Zng hoher Ideali-
tät, halb schwärmerischer Weichheit und
Kontemplation läßt wirklich Simone jenem
Dichterfürsten verwandt erscheinen. Wenn
Giotto bei allem Gefühl doch vorherrschend
Verstandesmensch ist, so ist Simone aus-
gesprochener Gefühlsmensch.

Seine Madonnen in Siena (Rathhaus-
saal), Orvieto (Domfabrik), Pisa (5emi-
nario Vescovile) sind Meisterwerke, an
welchen das Prinzip der Sieneser Schule
seine Lebensfähigkeit und Großartigkeit er-
weist; ihm entfließt diese Herrüche Ver-
söhnung von Größe und Anmut, einer
Anmut, welche die Größe nicht verwischt,
und einer Größe und Hoheit, welche die
Anmut nicht ausschließt. Die archaisti-
schen Typen erscheinen hier von einer my-
stischen Schönheit und einer kontemplativen
Seele belebt und vergeistigt; nichts von
der alten Schwere, Unnatur, Schroffheit
hängt ihnen mehr an.

Der Saal des palazzo publico, in
welchem die Väter der Stadt Siena, der
0vita5 Virginis, ihre Berathungen pflogen,
wurde von Simone mit einem Kolossalbild
der Madonna, der Patronin der Stadt,
geschmückt; eine Leibwache von Engeln und
Heiligen, gegen 40 Gestalten, umgibt sie.
Das Fresko ist umschlossen von einem
gemalten Rahmen mit Medaillons des
Heilands, des Jakob, David, Moses, der
vier Evangelisten, der Kirche mit der lex
vetrm unb nova u. a. In Anordnung,
Stellung und Haltung der Figuren ist
lediglich keine Neuerung versucht; die her-
kömmliche Symmetrie, sozusagen die alte
Mechanik ist völlig beibehalten. Und doch
ist überall die Härte überwunden, die
Starrheit gebrochen, das Mechanische poe-
tisch durchgeistigt, die Kälte durchwärmt.
Das Antlitz der Madonna und des hl.
Kindes erinnert nur durch einen tiefen
Anflug von Melancholie, welcher den Ernst
und die Anmut hebt, noch an die alte
Zeit. Die Lieblichkeit der Engelgestalten,
die Grazie der weiblichen Figuren, welche
neben den muskelkräftigen männlichen noch
mehr hervortritt, der leichte Fluß der Ge-
wänder, die noble Detailansführung und
der Schmelz der Farbe wirken zusammen,

um die sienesische Richtung hier im vor-
theilhaftesten Licht erscheinen zu lassen.

Freilich hatte der Maler hier keine Hand-
lung und kein Geschehen zu schildern, son-
dern nur ruhiges Leben in der Sphäre der
Verklärung. Er wagt sich aber auch auf
das historische Gebiet, und zwar ist er so
kühn, in Assisi selbst in eine Art Wett-
kampf mit Giotto zu treten. Hier schmückt
er die Kapelle des hl. Martinus in der
Unterkirche mit zehn Kompositionen aus
dem Leben dieses Heiligen. Da hat man
also in derselben Kirche Gelegenheit, flo-
rentinische und sienesische Kunst gegen ein-
ander zu werthen. Daß bei solcher Schätz-
ung die letztere den Kürzeren zieht, wird
sich allerdings jedem Aug sofort ausdrän-
gen. Simonens Fresken flößen Achtung
ein, wenn man die einzelnen Figuren ins
Aug faßt, die größtentheils fein durchge-
bildet sind und sein Talent für das Por-
trät beweisen. Prüft man aber die Kom-
positionen, so stößt man auf seine Schwäche,
welche neben der Größe GiottDs in diesem
Punkt vollends auffällig ist. Es scheint
auch, als wäre Simone eben durch den
Anblick der florentinischen Leistungen eini-
germaßen ans dem Gleichgewicht gekommen.
Er mag es wohl gefühlt haben, daß etwas
ihm fehle, was diese Bilder haben, und
ein gewisses Streben nachzuahmen, bei aller
Entschlossenheit, dem sienesischen Stil treu
zu bleiben, bringt in seine Bilder Unruhe
imb Unsicherheit, Befangenheit und Un-
gleichheiten. Das berührt peinlich angesichts
der Bilder Giotto's ans einem Guß und
Schwung.

Lange arbeitete der Meister in Avig-
n o n, wo er die Exilsresidenz der Päpste
schmückte. Im Portikus der Kathedrale ist
in der Lünette des Portals eine Madonna,
über dem Thürbogen ein segnender Chri-
stus noch erhalten; das Bild des hl. Georg
in der Vorhalle ist zu Grunde gegangen.
Die Gemälde im Saal des Konsistoriums
im päpstlichen Palaste sind vertüncht, mit
Ausnahme einiger Heiligengestalten im Ge-
wölbe; die der päpstlichen Kapelle (Leben
Johannes d. T., Kreuzigung und andere
Scenen) und der Capelia del Santo Uf-
fizio (Legende des hl. Martin, Stephanus,
Petrus, Valerianus) stark verdorben. —

Von der an der Hauptlinie Livorno-
Rom gelegenen Station Cecina führt eine
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