Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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der Hoffnung und der Liebe. Zu seinen
Füßen liegt die säugende Löwin, Siena's
Wahrzeichen. In der Rechten hält er ein
Scepter, von welchem eine Schnur aus-
geht, welche durch die Hände der unten
prozessionsartig daherschreitenden 24 Räche
läuft. Diese stattlichen Gestalten mit im-
ponirenden Gesichtszügen sind offenbar aus
der Wirklichkeit genommen. Zu Beisitzerin-
nen hat das gute Regiment, il buon go-
verno, sechs weibliche Personifikationen
von Tugenden; die Gerechtigkeit, in der
einen Hand eine Krone, in der andern
das ans einem abgehauenen Haupt ausge-
stützte Schwert; die Mäßigung mit dem
Stundenglas, die Großmnth, welche Kro-
nen wegschenkt und eine volle Geldschüssel
auf dem Schooße hat; die Klugheit, auf
eiue Inschrift praeteritum praeserm fu-
turum deutend; die Tapferkeit, schild-
bewehrt; alle diese als Königinnen aufrecht
thronend; dann als letzte der Friede, eiue
sorgenlos behaglich sich aufs Polster zu-
rücklehnende Frauengestalt von hoher An-
mut. Diese Tugenden sind die ersten
Stützen des Staates; er bedarf aber auch
sichtbarer Hut und Wehr, die seine äuße-
ren und inneren Feinde niederhält. Deß-
wegen ziehen zu Füßen des Thrones zu
beiden Seiten Reisige zu Pferd und zu
Fuß auf; die Abtheilung rechts hat ge-
fesselte Verbrecher mit gemeinen Gesichtern
zu bewachen.

Der Zug der Rathsherrn leitet nun
auf die linke Seite hinüber. Der letzte
gibt die Leine, an welcher sie gehen, in
die Hand einer weiblichen Gestalt, welche
durch einen Hobel (nicht durch ein Musik-
instrument, wie Rio meint) mit der Inschrift
Concordia als die Eintracht gekennzeichnet
ist; sie leitet das jetzt sich spaltende Seil
nach oben, wo zwei in den Waagschaalen
der Justitia sitzende Engel damit umgürtet
erscheinen; diese sinnbilden die gegenseitige
und austheilende Gerechtigkeit (justitia
commutativa und distributiva). Die
Gerechtigkeit selbst läßt sich die auf ihrem
Kronreif aufsitzende Waage von der über
ihr schwebenden Weisheit halten.

Wahrlich ein ächt mittelalterliches Bild!
Es bedeutet nichts anderes als ein staats-
politisches Kolleg, welches der Meister im
Anschluß an die aristotelische Politik seiner
Zeit liest. Schwerlich hat er freilich selbst

die Gedanken des Bildes erfunden; nach
dieser Seite wird vielmehr die Komposition
aus den Kreisen der Gelehrten und des
Klerus der Stadt stammen. Die Ideen
des Bildes sind aber folgende:

Die Staatsobrigkeit ist der in Majestät
thronende Repräsentant des ganzen Staa-
tes. Das Siegel der Republik, Wohl
und Wehe derselben ruht in seiner Hand.
Sein Scepter ist mächtig, aber er darf es
nicht mißbrauchen, muß vielmehr zugleich mit
ihm das Zügel einer vernünftigen, weisen
und gerechten Regierung in der Hand halten.
An dieser von Weisheit, Gerechtigkeit und
Eintracht gereichten Zugleine müssen auch
alle Beamte und Räthe des Staates gehen,
lleberdies muß noch eine Reihe natürlicher
Tugenden im Beirath des guten Herrschers
sitzen und eine stattliche Kriegsmacht muß
ihm Wehr und Waffen bieten. Hat der
Künstler hiemit die natürlichen Grundlagen
des Staates, die natürlichen Bedingungen
einer geordneten Staatsregierung gezeich-
net, so erweitert er nunmehr die aristote-
lische Politik im christlichen Sinn. Es ist,
als ob er durch die über dem Haupt des
Herrschers schwebenden Gestalten des Glau-
bens, der Hoffnung und Liebe sagen wollte:
nachdem das Christenthum in die Welt
getreten, ist ein geordnetes Staatsregiment
ohne Glaube an Christus und das Kreuz,
ohne Hoffnung ans den Himmel, ohne
Liebe vom Himmel nicht mehr denkbar;
nur das christliche Regiment ist ein wahr-
haft weises und vernünftiges.

Aus dem zweiten Bild, das die Seg-
nungen des guten Regiineuts schildert, greift
Ambrogio ins volle Menschenleben. In
hübschen Genrebildchen zeichnet er die Blüte
des Verkehrs und öffentlichen Lebens, die
Lust froher Volksspiele, die Heiterkeit unge-
fährdeten Familienlebens. Am Thor der
Stadt sieht man den Genius der Lecuri-
tas, der öffentlichen Sicherheit, schweben,
in der Linken einen Galgen, an welchem
ein Verbrecher baumelt, in der Rechten eine
Schriftrolle. Durch das Stadtthor wogt
Handel und Verkehr, ein Strom von Men-
schen und Thieren. Der Lehrer schult die
Kinder; die Jugend schlingt fröhliche Rei-
gen; Jäger ziehen in die Ferne.

Auf dem dritten Bild zeigt sich die Ty-
rannei, ein weibliches Scheusal, gewappnet,
in blntrothem Mantel, umgeben von ihren
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