Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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Vortrag, die geistreiche Symbolik, sodann
die formelle Vollendung und manchmal fast
raphaelische Schönheit einzelner Gestalten,
wie der Pax, Justitia, Concordia, zu be-
wundern. Ferner darf man wohl anfügen:
wieviel geistreicher, ansprechender, gedanken-
tiefer sind doch diese Allegorien, als die
mythologischen, mit welchen man hentzutag
Bahnhöfe, Rathhäuser, Museen, Schulen
ausstattet, die seltsamen Amalgame neu-
zeitlicher Urprosa mit antik-paganistischer
Poesie, welche einen anfrösteln, weil man
vor lauter verschwendeter Geistreichigkeit
den Gedanken nicht herausfindet und welche
einen noch mehr ansrösteln, wenn man den
Gedanken endlich gefunden hat. Unserer
Zeit fehlen fast alle Vorbedingungen, sich
eine eigene Symbolik zu schaffen; sie muß
borgen. Aber eben deswegen hat sie kein
Recht, über die mittelalterliche Allegorie
herabzusehen; sie würde gut thnn, von die-
sem reichen Kapital zu entlehnen, anstatt im-
mer nur beim Heidenthum betteln zu gehen.

Als die Persönlichkeit, welche den Ab-
schluß der sienesischen Schule bildet, kann
Taddeo Bartoli (ca. 1360) bezeichnet
werden. Seine Fresken im Dom von San
Gimignano (Mittelschiff: Paradies und
Hölle, letztere häßlich) und in Lau Fran-
cesco zu Pisa wie in der Kapelle des
Palazzo publico in Siena weisen ans
einen Meister, welchem es an künstlerischem
Können nicht fehlt, der innerhalb sienesi-
scher Kunstgrenzen krampfhaft sich abmüht,
ohne auch nur eine Linie weiter zu kom-
men als seine Vorgänger, und ohne die
geistige Größe des Simone oder der Lo-
renzetti zu erreichen. — In der Folge
dringt der Realismus und Naturalismus
des 15. Jahrhunderts in die Schule ein
und führt eine Zeit lang mit der von ihr
bewahrten archaistischen Art ein fast komi-
sches Gemeinschaftsleben. —

Nun, nachdem wir florentinische und
sienesische Art kennen gelernt, ist es uns
möglich, einige Werke monumentaler Ma-
lerei zu besprechen, welche znm Größten
gehören, was das Mittelalter geschaffen
und welche eine gewisse Kombination von
sienesischer und florentinischer Kunstrichtung
verrathen. Wir gehen zuerst in

8. die spanische Kapelle (Ca-
pella degli Spagnuoli) am Kreuzgang
von S. Maria novella in Florenz.

a) Beim Eintritt sehen wir uns einem
großen Krenzigungsbilde gegenüber, an der
vom niedrigen Chorbogen durchbrochenen
Hauptwand. Gerade im Scheitel des Chor-
bogens ist das Kreuz aufgerichtet; die Dar-
stellung zieht sich zu beiden Seiten herab.
Links unten sieht man die Stadt Jerusa-
lem; der Kreuzeszug kommt zum Stadt-
thor heraus und windet sich den Berg
hinan; Christus geht ganz aufrecht einher
und wendet das Haupt zu den Frauen.
Rechts unten ist der Besuch des Aufer-
standenen in der Vorhölle dargestellt. Die
obere Hauptscene ist überaus figurenreich;
in dem Kruzifixus ist vornehmlich der
Schmerz betont; unter dem Kreuze des
guten Schächers steht die Mutter, das
Haupt in schönem Affekt zu Jesus erhoben;
Magdalena breitet in liebendem Schmerz,
mit rührender Innigkeit beide Arme nach
ihm ans; der Hauptmann und andere
schauen gläubig empor; mit ihrem Gestus
kontrastiren die Aktionen und Mienen der
Spötter. Unter dem Kreuz des linken
Schächers ist wüster Tumult; ein Reiter
haut ans die Menge ein, welche schreiend
auseinanderstiebt. Das Bild zeigt ganz
sienesischen Charakter in den Frauen- und
Männer-Typen, namentlich aber in der
mangelhaften Vertheilnng der Massen und
Gruppen. Der Eindruck bleibt ein ver-
schwommener, weil Affekte und Personen
ordnnngslos in einander geschoben und
unter einander gemischt sind.

Im Gewölbe dagegen, welches durch
gemalte Gurten in vier Felder getheilt ist,
schildert ein Meister aus der Schule Giot-
tTs die Stillung des Meerstnrms und die
Rettung des Petrus aus den Wogen, die
Auferstehung, Himmelfahrt und Geistsen-
dnng. Das erstgenannte Bild ist wohl
seiner Idee nach an den Schluß zu setzen;
es will offenbar die Unzerstörbarkeit und
göttliche Leitung der Kirche zur Dar-
stellung bringen; der künstlerischen Art
nach ist es das beste unter den Decken-
bildern, und es zeugt von einem Kompo-
sitionstalent, wie es in der sienesischen
Schule nicht zu finden ist.

Die Bilder aus der Legende des hl.
Dominikus und Petrus Martyr über der
Eingangsthüre sind sehr beschädigt und
offenbar recht schwache Leistungen.

b) An der Ostwand finden wir die große
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