Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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berühmte Komposition, welche die Mis-
st o n s t h ä t i g k e i t des Dominikaner-
ordens schildert. Die Anordnung des
Bildes ist folgende:

Auf hohen, an die Kirche, als deren
Symbol das Modell vom Florenzer Dom
dient, angelehnten Thronen sitzt der Papst
mit Kardinal und Bischof, der Vertreter
der geistlichen Gewalt, und der Kaiser mit
Kanzler und Feldherr, der Repräsentant
der Staatsgewalt; zu ihren Füßen lagern,
von Hunden bewacht in behaglicher Ruhe
die Schäflein Christi. Die Christenheit ist
aber auch noch in zwei Gruppen repräsen-
tirt; rechts sind die Laien, links die Reli-
giösen, erstere friedlich und freundlich mit-
einander konversirend, letztere der Predigt
lauschend, betend, meditirend. Diese Grup-
pen stellen die Gemeinde der Rechtgläubi-
gen dar, welche zu weltlicher und geist-
licher Obrigkeit im normalen Verhältnis;
stehen und daher ihres Schutzes genießen.
Weiter nach rechts entfaltet sich aber der
Kampf, welchen die Kirche gegen die Un-
botmäßigen und Irrgläubigen zu führen
hat. Die gefleckten Hunde, die domini
canes, stürzen sich unter Anleitung des
hl. Dominikus über die Wölfe und Füchse
her, welche die Heerde Gottes verfolgen.
Zwei Scenen erläutern sofort die gemalte
Parabel. Ein Mönch belehrt die von
Zweifel und Irrlehre Angesteckten; die
einen geben Zeichen der Zustimmung, die
andern kehren sich ab. Ein zweiter Mönch
hält einer andern Schaar das Buch der
wahren Kirchenlehre entgegen; zwei fallen
nieder und erklären sich überzeugt, einer
reißt einige Blätter aus einem Buch, ein
anderer hält die Ohren zu. Ueber dieser
Scene ist ein lieblicher Hain zu sehen;
unter einem Laubdach sitzen vier Gestalten,
zwei weibliche mit Geigenspiel und Schooß-
hündchen, ein Mann mit einem Falken,
ein anderer im tiefen Sinnen die Hand
ans Kinn legend. Zu Füßen dieser Ge-
stalten schwingen sich fröhliche Reigen nach
der Musik eines übergroßen Spielmanns;
zu ihren Häupten tummeln sich Knaben
in den Zweigen und thun sich gütlich an
den Früchten der Bäume; zwei Männer
lustwandeln, in die Laubgänge hinaus-
zeigend. Mit dem Rücken gegen diese
Weltleute gekehrt sitzt ein Mönch auf
einem Stuhle und legt einem vor ihm

knieenden Mann die Hand aufs Haupt —
offenbar eine Darstellung der Beicht und
Sündennachlassung. Daneben weist der
hl. Dominikus einen Gerechten zum Him-
melsthor; unter dieser Pforte steht Petrus
und zwei Engel, welche den herbeikommen-
den Kindern, den reinen Seelen, Kränze
aufs Haupt legen, mit welchen diese fröh-
lich durchs Thor ziehen; dahinter sieht
man die Seligen, das Haupt zu Christus
erhoben, der oben auf dem Regenbogen
in der Mandorla thront; Engelsfchaaren
umgeben ihn und rechts von seinem Thron
steht die Madonna mit der Krone, eine
Lilie in der Hand. Die Gruppe der Se-
ligen klingt an Orcagna's Paradies an,
hat aber nicht den diesem eigenen Ausdruck
ekstatischer Freude.

Die Absicht dieser Darstellung ist ossen-
bar, ein Bild vom Leben der Kirche und
vom Wirken und der Mission des Domini-
kanerordens zu geben. Das Glück und
die Sicherheit derer, welche wahrhaft der
Kirche angehören, ihre Lehre festhalten,
ihrer Disziplin sich fügen, ist geschildert
sowohl in der Gruppe der ruhig zu Füßen
des Papstes und Kaisers lagernden Schäf-
lein, als in der Gruppe der Ordensleute
und Laien, welche rechts und links von
den Oberhäuptern der Kirche und des
Staates in Gläubigkeit, Religiosität und
Rechtlichkeit ihre Stellung genommen und
festen Lebensstandpunkt gefunden haben.

Der Kampf gegen Irrlehre und Un-
botmäßigkeit, welcher als Hauptaufgabe
dem Dominikanerorden von der Vorsehung
zugewiesen ward, nimmt den übrigen Raum
des unteren Feldes ein. Die darüber
gruppirte Scene will nicht die Wonne und
den Seelenfrieden des wahren Christen -
lebens darstellen, sondern ist ein Bild des
Lebens der Welt, das nur mach Freuden
jagt. Die Losung der Jugend, welche in
den Bäumen an den Früchten sich gütlich
thut, ist Genuß; Tanz und Spiel die Lo-
sung der Mädchen, welche beim Klang
des Tamburins vor zwei männlichen Zu-
schauern dem Tanz obliegen; die vier
sitzenden Gestalten aber in ihrer Selbst-
genügsamkeit sind Personifikationen der
Hauptarten weltlicher Lust und Unterhal-
tung, der Musik, der Jagd, des müßigen
Tändelns (die Frauengestalt, welche dem
Schooßhündchen spielend den Finger ins
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