Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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Maul steckt), des geistigen Vergnügens
(der ernste sinnende Mann, der das Haupt
mit einer Binde umwnnden hat, zum Zei-
chen, daß die Geisteslust, der er fröhnt,
zugleich eine Last ist).

Wir haben diese Erklärung deswegen
so ausführlich gegeben, weil eine ganz
falsche Auffassung des Bildes herrschend
geworden ist, eine Auffassung, welche wie-
der verwirrend auf die Deutung des
Triumphes des Todes im Camposanto ein-
gewirkt hat. Man wollte nämlich in dem
fröhlichen Treiben der Gesellschaft im Haine
die Freuden der Christenseele geschildert
finden, welche die Welt und Sünde über-
wunden habe. Die vier sitzenden Gestal-
ten seien nicht als der Weltlust fröhnend,
sondern als Sieger über die Weltlust zu
denken. Die Frau mit dem Schooßhünd-
chen sei die Ueberwinderin des Teufels,
welche diesem Löwen den Rachen anf-
reiße (!); der Mann mit dem Falken stelle
die Ueberwindung des Jagdgelüstes vor,
Saitenspiel und Tanz die mystische Seelen-
frende u. s. f. So die sonst so besonne-
nen Forscher Crowe und Cavalcaselle,
neuestens namentlich H et tu er (Jtal. Stu-
dien, Brannschweig, 1879), welchem W o lt-
mann (Gesch. der Malerei, Leipzig, 1879)
sich ganz angeschlossen hat.

Hettner hat sich bis zu der Behauptung
verstiegen, das Thema des Bildes sei die
Verlobung der Kirche mit ihrem Bräuti-
gam, und das ganze Bild sei nichts ande-
deres als ein gemalter Kommentar des hl.
Thomas zum Hohelied. Eine solche künst-
lerische Idee findet er dann mit Recht sehr
abstrus. Aber der Maler hat diese Idee
nicht gehabt, sonst hätte er vor allem
die Kirche nicht unter dem Symbol des
Florenzer Domes einführen und den Bräu-
tigam nicht allein hoch in den Wolken
thronen lassen können. Diese verzwickte
Hauptidee mußte noch verzwicktere Einzel-
gedanken gebären.

Die Frage ist nur noch, wie bei unse-
rer Auffassung die Verbindung herznstellen
sei zwischen dem oberen und unteren Theil
des Bildes, zwischen der ecclesia militans
und triumphans. Nach der von uns ge-
tadelten Deutung des Hains und seiner
lebensfrohen Insassen kommt man auf der
Leiter folgender Gedanken zu den Höhen
des Bildes: Die, welche der Kirche wahr-

haft angehören und durch den Anschluß
an sie die Sünde überwunden haben, ge-
nießen schon hienieden ein rosiges Dasein
(ist das ein mittelalterlicher Gedanke?);
sie haben höchstens noch die Absolution
nöthig, um ins Himmelreich einzugehen.
Nach uns ist der Gedanke des Bildes ein
anderer; es will sagen: die Kirche sorgt
für ihre Kinder aufs Beste; sie sind ge-
borgen und gesichert, wenn sie von der
Irrlehre sich fernhalten und die Abwege
der Welt meiden, wenn sie folgend der
Mahnung des hl. Dominikus den Himmel
im Aug behalten und vom Schutzengel
sich vor den Freuden der Welt warnen
lassen. Hinter den beiden Zuschauern
beim Tanz sehen wir nämlich eineu guten
Genius bemüht, einen Jüngling am Arm
vom Tanz wegzuziehen; der sträubt sich
aber mit Hand und Fuß und verlangt zu
den Tanzenden hin; diese kleine Episode
ist absolut unerklärlich, wenn der Hain
das Glück der guten und reinen Seelen
vorstellen soll. Hat aber ein Kind der
Kirche eine Zeit lang von der Weltlust
bethört in ihrer: Lusthainen gewandelt, so
muß es sich reuig bekehren; das sagt der
beichtende Edelmann. . Der geschlossene
Gedankengang des Bildes ist somit der:
Das Reich Gottes auf Erden führt kraft
der von Gott stammenden hierarchischen
und staatlichen obrigkeitlichen Gewalt, durch
energische Mithilfe der der Kirche von Gott
geschenkten Heerschaar der Dominikaner
seine Bürger im Kampf gegen Renitenz
und Irrlehre an den verlockenden Lust-
gärten der Welt vorbei ins Himmelreich
hinauf. —

Es ist wahr, die Kunst wagt sich hier
weit vor an die Grenzen des ihr Erreich-
baren und Darstellbaren. Der Glaubens-
artikel von der Kirche, die damalige An-
schauung über die Bedeutung, den Berns,
die Wirksamkeit der Orden kommt hier
zur Darstellung in der Sprache der Kunst;
unsinnliche Ideen und symbolische Be-
ziehungen sind in Farben verkörpert. Aber
dieses Vorwagen hat etwas Achtunggebie-
tendes, sofern durch dasselbe doch noch ein
wirkliches Kunstwerk geschaffen wird. Die
Gedanken sind allegorisch, aber so glücklich
in Formen der Wirklichkeit gekleidet, daß
sie nicht allzuschwer zu finden sind. Man
darf nur nicht, wie bei neueren Forschern
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