Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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hin und wieder zu bemerken ist, geradezu
krampfhafte Anstrengungen machen, um
aus mittelalterlichen Bildern möglichst ab-
struse Darstellungen herauszulesen, als
hätten die mittelalterlichen Mönche und
Künstler überhaupt nur solche gehabk und
als hätte jene Erklärung eines alten Kunst-
werks am meisten für sich, welche die ab-
struseste und verzwickteste ist.

Die Kunst redet hier wie ein ächtes
Naturkind mit größter Einfalt. Es ist
naiv, wie die Scenen aneinander gereiht
und von einander geschieden sind, wie die
Schauplätze gewonnen, wie die Theile der
Komposition auf- und übereinander ge-
stellt werden, wie das Paradies gerade
auf das Kirchendach zu stehen kommt und
das Trittbrett vor dem Himmelsthor ab-
geschrägt werden muß, weil es sonst mit
dem Kirchengiebel in Kollision geriethe, —
alles das sind große Naivetäten, welche
die sienesische Schwäche im Komponiren
zur Mutter haben. Aber man kann dieser
Naivetät nicht bös sein und sie verachten,
weil sie doch wieder mit solcher Besonnen-
heit, Gedankenfeinheit und Anmut der ein-
zelnen Züge verbunden erscheint. Man
drücke vor solchen Bildern nur die ätzende
Schärfe der Kritik aus dem Aug, so wer-
den sie einen freundlich und klug ansehen
und anreden. —

c) Die Wand gegenüber nimmt eine
ebenso große Komposition ein, der Tri-
umph des hl. Thomas von Aqnin.
Auf reichem gothischen Thron sitzt St.
Thomas; erhält ein aufgeschlagenes Buch
mit dem Schriftvers sap. 7, 7. Zn seinen
Häupten schweben sieben Engel, deutlich
als Repräsentanten der drei theologischen
und vier Kardinaltugenden gekennzeichnet.
Zu seinen Füßen kauern mit der Miene
der Ueberwundenen Averroes, Arius und
Sabellius. Zu beiden Seiten des engli-
schen Lehrers aber thronen zehn herrliche
Gestalten von energischem, tiefgegrabenen
Gesichtsausdruck, einerseits Johannes, Mar-
kus, Paulus, David, Hiob, andrerseits
Matthäus, Lukas, Moses, Jsajas, Sa-
lomo.

Dies der obere Theil des Bildes; der
ihm parallel laufeude untere zeigt vierzehn
männliche und vierzehn weibliche Gestalten,
in zwei Reihen in prunkvolles Chorgestühl
vertheilt. Sie stellen die 7 weltlichen und

7 geistlichen Wissenschaften dar. Jede der
14 Wissenschaften ist zweifach repräsentirt,
durch eine weibliche Personifikation mit
den zutreffenden Attributen ltub durch eineu
historischen Vertreter. So sehen wir links
von St. Thomas die sog. 7 freien Künste:
die Grammatik, welche Knaben unterweist,
mit Donat oder Priscian zu ihren Füßen,
die Rhetorik mit Cicero, die Dialektik mit
Zeno oder Aristoteles, die Musik mit Tu-
balkain (seltsame Verwechslung mit Jubal),
die Astronomie mit Ptolemäus, die Geo-
metrie mit Euklid, die Arithmetik mit Py-
thagoras. Alls der rechten Seite sind mit
Bestimmtheit Glaube, Hoffnung, Liebe zu
erkennen mit Dionysius Areopagita, Jo-
hannes Damascenus, Augustinus; diese
Tugenden sitzen aber hier als Repräsen-
tanten von theologischen Disziplinen, etwa
Dogmatik, Moral, Mystik. Dann das
kirchliche und weltliche Recht mit Papst
und Kaiser, welche den Schluß bilden.
Zwei, bezw. vier Figuren zwischen dem
Kirchenrecht und Glauben sind schwer zu
bestimmen; sie stellen vielleicht die theo-
retische und praktische Theologie vor mit
Petrus Lombardus und Bonavemura.

Dieses Bild will nicht, wie Hettner
ausgeklügelt hat, eine bildliche Illustration
des Hauptwerks des hl. Thomas, der
Summa theologica sein, sondern viel-
mehr die Stellung des Heiligen im Uni-
versum des Geistes zur Anschauung brin-
gen. Unmittelbar über unserer Kompo-
sition ist in der Gewölbekappe die Aus-
gießung des hl. Geistes am Pfingstfest
dargestellt. Droben im Reich des unend-
lichen Geistes ist die hl. raube Mittel-
und Brennpunkt; im Reich des endlichen
Geistes, soweit er aus eigener Kraft zum
Licht Vordringen und soweit er, getragen
von den Flügeln des göttlichen Geistes,
in der hl. Wissenschaft sich emporschwingen
kann, ist St: Thomas Fürst und Regent,
nicht als ob er über Aposteln und Pro-
pheten stünde, sondern weil er alle Flam-
men apostolischer und prophetischer Weis-
heit, alle Strahlen theologischer und philo-
sophischer Forschung, menschlicher Kunst
und Wissenschaft in seinem System zu Einem
großen welterleuchtenden Licht gesammelt
hat. Es schweben über ihm die natür-
lichen und theologischen Tugenden, die
Grundbedingungen wahrer Weisheit; es
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