Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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feit des Materials häufig dem Wohllaut
des Geläutes. —

Häufiger uoch als der Glockenstuhl ist
die Aufhängung der Glocken selbst mangel-
haft. Bei älteren Geläuten sind nämlich
die Glockenkronen und die Bänder meist
durch keilförmige Schließen mit den Achsen
verbunden. Diese Schließen reiben sich
bald aus, und die Glocken werden lose
und schettern. Viel besser ist die Anwen-
dung von Schrauben, welche immer bequem
wieder augezogeu werden können. Die
Achse sollte aus bestem Eichenholz, unten
ganz eben, oben in der Mitte gewölbt, au
den Enden in Zapfensorm abgeschnitten
und durch warm aufgezogene eiserne Ringe
vor dem Zerspringen geschützt sein. In
diese Enden sind dann die am besten
schmiedeisernen, gehärteten Zapfen weit ein-
getrieben und durch Querbolzen gesichert.
Hat man noch die Lager richtig konstruirt
und in schwere Eisenbalken eingelassen und
verbolzt, so ist die Aufhängung der Glocke
.auch bei einfachster Herstellung genügend.
Jeder Fehler der Aufhängung verräth sich
durch unsicheren, schetterudeu Ton und
sollte sofort beseitigt werden, da dadurch
nicht nur das Geläute musikalisch verdor-
ben, sondern auch die Glocke dem Zer-
springen ausgesetzt wird. Vor den neuer-
dings ausgekommenen „vielfach patentirten"
Aufhängungen ist zu warnen. Die meisten
derselben sind komplizirt und kostspielig;
sie sollen vielleicht weniger Kraft zum
Läuten brauchen und den Thurm weniger
erschüttern, aber sie rauben der Glocke
den vollen Schwung und dadurch dem Ton
die richtige Schwebung und geben nie dem
Geläute jenen vollen und doch weichen
Wohllaut, welchen wir an den Werken
älterer Meister so sehr bewundern.

(Fortsetzung folgt.)

Literatur.

Zur K e n n t n i ß und Würdigung der
mittelalterlichen Altäre Deutsch-
lands. Ein Beitrag zur Geschichte der
vaterländischen Kunst von E. F. A. Mün-
zenberger, Stadtpfarrer. Erste Liefe-
rung mit 10 photographischen Abbildungen.
Frankfurt, Fösser, 1885. Groß-Folio.
24 S. Text. Preis: 6 M. —

Das Werk, dessen erste Lieferung wir hier zur
Anzeige bringen, gehört — das kann schon an-

gesichts der ersten Blätter gesagt iverden — zu
jenen, welche nicht bloß eine wirkliche Lücke aus-
füllen, sondern auch im Stande sind, bestimmend
und nmgestaltcnd auf das Leben und die Praxis
einznwirken. Viel zu kärgliche Beachtung hat
man bisher in der Kunstgeschichte der großen
Zahl deutscher mittelalterlicher Altäre geschenkt;
sie reprüsentiren ein vorzügliches kunsthistorisches
Material, von Bedeutung nicht bloß für die Stil-
kunde und für die Geschichte der Skulptur, sondern
auch für die Geschichte der Malerei; eben diesem
Kunstzweig ist die moderne, aufs Einzelne gehende
Forschung und die fortgeschrittene Reproduktions-
kuust noch am wenigsten zu gut gekommen.
Leider hat auch die Kuustpraxis ihm keine größere
Aufmerksamkeit zugewendet, und doch würde hier,
was gothische Altäre anlangt, eine Quelle von
Normen, Formen und Motiven fließen, welche
ihr sehr zu gut kommen könnte. Denn die
Klagen des Vers, über die armselige Anlage und
Durchführung sehr vieler neuer sog. gothischer
Altäre sind allerdings sehr berechtigt, wie der Aus-
druck des Bedauerns, daß durch derartige Mach-
werke im „gothischeu und romanischen Zopfstil"
manches hochschätzbare Erzeugnis; der Renaissance ja
manches tvirkliche Kunstwerk des richtigen Zopfstils
unrechtmäßiger Weise verdrängt worden. Dem Vers,
danken wir die Eröffnung der gerade in den alt-
deutschen Altarwerken fließenden Quellen, deren
reicher Sprudel hoffentlich bald die bis zum Ekel
wiederholten langweiligen und charakterlosen Altar-
typcu der letzten Jahrzehnte ivegschwcmmeu und
ein neues geistvolles Erfinden und Schaffen auf
diesem Gebiet im Anschluß an die Musterleistuugen
der Vorzeit auregeu wird.

Der Plan des Werkes ist folgender: zuerst soll
eine kurze Geschichte des mittelalterlichen Altar-
bau's in Deutschland gegeben werden, „von dem
Auftreten der ersten Altaraufbauten an bis zur
Zeit, da die letzten Traditionen der mittelalter-
lichen Altarbauteu in der zur Herrschaft gelangten
Renaissance verklingen. Darauf aber soll dann
eine möglichst vollständige, nach Provinzen und,
so viel als möglich, nach der Zeit der Entstehung
geordnete Statistik der noch vorhandenen Altäre
folgen, die alle bis jetzt zu erlangenden Notizen
über den Ort und die Zeit der Anfertigung,
sowie über die Meister, von denen sie herrühren,
enthalten wird. Soviel als sich bisher erreichen
ließ, soll dann noch jedem hier genannten Altäre
eine kurze, sowohl auf die Schnitzerei als die
Gemälde sich beziehende Beschreibung hinzugefügt
werden, und in einem dritten Abschnitt werden
endlich die Resultate hervorgehoben werden, die
sich aus der genaueren Kenntnis; der alten Altäre
sowohl einerseits überhaupt für die Geschichte der
Bildhauerkunst, der Malerei und der in alter
Zeit eine so wichtige Rolle spielende Kunst der
Polychromiruug, als andrerseits für die Ge-
schichte der Liturgie, der Legende, sowie des
religiösen Volkslebens der älteren Zeit ergeben".
Das Werk soll in ca. t0 Lieferungen ä 6 Mark
in Groß-Folio erscheinen, und jeder Lieferung
sind 10 Abbildnngen in gleicher Größe bcigcgeben.

Der Text ist mit der vollen Sicherheit, Gründ-
lichkeit und Klarheit des Sachverständigen ge-
schrieben, und zu ganz besonderem Vorzug niuß
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