Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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Archiv für christliche Kunst.

(Drgart des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Kunft.

perausgegeben und redigirt von Professor Nr. Keppler in Tübingen.

Verlag des Rottenburger Diözesan-Aunstvereins, für denselben: der Vorstand Professor Nr. Reppler.

Or. z.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. für M. 2. 05 durch die württemb. <M. l. 90
im Stuttg. Bestellbezirk), M. 2. 20 durch die bayerischen und die Reichspostanstaltcn,
98 kr. in Oesterreich, Frcs. 3. 40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
auch angenommen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags
direkt von der Expedition des „Deutschen Bolksblatts" in Stuttgart, Urbansstraße 94
zum Preise von M. 2. 05 halbjährlich.

1886.

Wandbekleidung mit Teppichen.

Nachdem in diesen Blättern die Beklei-
dung der unteren Wandtheile, namentlich
der unteren Chorwände mit Marmor oder
anderen polirbaren Steinen empfohlen wor-
den, so darf nun auch ans eine andere
Art von Wandbekleidung hingewiesen wer-
den, welche im Mittelalter überaus reiche
Verwendung fand, jetzt leider fast ganz
außer Gebrauch gekommen ist, ans die Be-
kleidung der Wände mit Teppichen.

Wie überaus reich die textile Ausstat-
tung der mittelalterlichen Kirchen war,
kehren alte Jnventare und Beschreibungen,
aber auch die vielen, zum Theil bedeuten-
den Neste derartiger Kunstwerke, welche
in beit Gewandkammern vieler Psarr-,
Stifts-, Kathedralkirchen noch erhalten
sind. Neben den tetravela, welche
zwischen den Säulen der Ciborienaltäre
angebracht waren und eigentlich zu einem
Ciborienaltar wesentlich gehören, neben
den triavela, welche auch, nachdem die
Ciborien abgekommen waren, an Sänken
befestigt, eine Einfriedigung um den Altar
zogen und gleichsam ein Chörchen im
Chor bildeten (eine überaus schöne Art,
den Altar als das Allerheiligste der Kirche
hervorzuheben, an deren Wiedereinführung
man ernstlich denken dürfte), neben den
vela lateralia, den Seitenbehängen
für die Nebenaltäre; — neben den Fuß-
teppichen für Altarstnsen und Chor,
welche nach alten Nachrichten in großer
Fülle vorhanden und, wie Beschreibungen,
Teppichreste und Gemälde aus dem 14.
und 15. Jahrhundert beweisen, gewoben
oder gestickt, oft mit reichen, vielfarbigen
Dessins geziert waren; — neben den F a-
st ent sichern oder Hungertüchern, welche
in der Fastenzeit eine völlige Abschließung
des Langhauses oder des Presbyterium vom
Chor herstellten und nur beim Evangelium

und der Wandlung zurückgeschlagen wur-
den I) — neben den Vorhängen, mit welchen
sämmtliche Bildwerke in der Fastenzeit ver-
hüllt wurden (ein gleichfalls der Nachahmung
würdiger alter Gebrauch); — neben den
vela ad ambones, mit welchen die
Kanzeln, oft ans allen Seiten, umkleidet
wurden, den vela pulpiti, welche die
Singpnlte schmückten, den vela baptis-
malia, welche den Taufstein verhüllten,
den bancalia zur Bedeckung von Sitz-
und Kniebänken, — ragen durch Größe,
Zahl und Werth namentlich hervor die
Wandteppiche für die Chorwände
und auch für die Wände und Säu-
len des Langhauses. Keine gut ein-
gerichtete Kirche entbehrte solcher Teppiche,
reiche Kirchen hatten deren eine fast un-
glaubliche Menge. Vom Dom zu Mainz
berichtet das Chronicon rerum Mogun-
tiacarum: erant ibi purpurarum pretio-
sarum tantae copiae , u t d i e b u s
festivis totum monasterium, cum
sit tarnen longuni et latum, in tri ns e-
cus tegeretur, et tarnen adhuc super-
fuerunt (bei P ertz, monum. hist. germ.
mitgetheilt; vergl. zu diesem und znm fol-
genden : Bock, Geschichte der liturgischen
Gewänder des Mittelalters, Bd. III., S.
192 ff.). Solche Teppiche scheinen eine
Zeit lang ein beliebtes Geschenk der Bi-
schöfe an ihre Kirchen gewesen zu sein.
Der Unterscheidung wegen führten sie mit-
unter eigene Namen, die ans den figür-
lichen Darstellungen geschöpft wurden, die
ihnen eingewirkt oder eingestickt waren;
so heißt einer arca Noe; ein altes In-
ventar führt dorsalia auf ad rosas rubeas
cum geminis pappagallis, ad aureos cer-
vos, ad alas avium, ad leones aureos etc.

r) In unserin Land besaß die Kirche in Güg-
lingen ein solches Fastentuch ans der zweiten
Halste des 15. Jahrh., das sog. „Palmtuch", das
aber 1849 mit der Kirche verbrannte.
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