Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 32
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0.5
1 cm
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riemens aufgehängte Klöppel immer in einer
Ebene schwinge und gleichmäßig anschlagen
könne. Ebenso wichtig ist, am Schlagende
des Klöppels stärkere Krümmungen, na-
mentlich Kugelgestalt, zu vermeiden und
denselben, wie Fig. A zeigt, länglich zu
gestalten. Denn bei verschieden starkem
Läuten wird ein kugelförmiger Klöppel
bald weiter oben, bald weiter unten an-
schlagen, und auch durch verschiedene Aus-
dehnungen des Anshängeriemens I) wird
er etwas ans und ab verschoben. Beide
Einflüsse bewirken, daß der Anschlag in
verschiedenen Regionen des Mantels statt-
sindet und nicht, wie es sein soll, genau
am Schlagring bei B und C. Gibt man
aber dem Klöppel die richtige Aufhängung
(wie Fig. A zeigt), und vor allem am
Schlagende die länglich gestreckte Form
(wie bei C), so wird man immer einen
gleichmäßigen Anschlag genau in der rich-
tigen Linie der maximalen Mantelstärke
der Glocke erhalten. Dies garantirt nicht
nur den vollsten und reinsten Ton, son-
dern auch am meisten die Dauerhaftigkeit
des Geläutes. —

Selbst die Befestigung der Läntstange
mit der Achse ist nicht ohne Einfluß ans
das Läuten. Auch an dieser Stelle em-
pfehlen sich eiserne Bolzen oder Bänder
mit Schrauben am besten, weil sie, wenn
locker geworden, immer wieder nachgezogen
werden können. Die Läntstange soll eben
möglichst fest und starr mit der Achse ver-
bunden sein, um völlig wie ein Körper
mitzuschwingen und nicht durch eigene
Schwingungen scheiternde Töne zu verur-
sachen. Hier ist auch der Ort, daraus
aufmerksam zu machen, daß während des
Läutens die Glocke sorgfältig vor jeder
Berührung mit einem fremden Körper ge-
schützt sein sollte. Wie manches schöne
Geläute ist schon durch einen zur Unzeit
herabfallenden Ziegel rc. zu Schaden ge-
kommen ! Es ist leicht zu begreifen, daß
auch die stärkste Glocke während des Läu-
tens, wenn sie durch die Schallvibrationen
in all' ihren Theilen aufs Aeußerste an-
gestrengt ist, nicht auch noch gleichzeitig
andere Stöße durch Berührung mit frem-
den Körpern aushalten kann. So sehr
man also wünschen muß, daß der Kirch-
thnrm durchbrochen und die Thurmsenster
offen seien, um die volle Kraft des Ge-

läutes nach außen wirken zu lassen, so
gewiß muß man verlangen, daß wenigstens
durch eine Bretterlage über dem Glocken-
stuhl Trümmer und Schutt von den Glocken
abgehalten werde. Aber noch gröberer
Unfug ist hier zu rügen! Sehr häufig
schon fand ich bei Kirchenglocken, welche
zugleich zum Schlagen für die Kirchenuhr
benützt werden, die Schlaghämmer satt
aussitzend, während sie durch die Feder
wenigstens 2 cm weit von der Glocke zu-
rückgehalten werden sollten. Eine solche
Angehörigkeit muß früher oder später noth-
wendig zum Zerspringen einer Glocke füh-
ren. Da die Federn mit der Zeit lahm
werden oder sich in ihre Unterlage ein-
arbeiten, so muß öfteres Nachsehen nach
diesem Punkte dringend empfohlen werden.
Eben so nothwendig, als die bisher be-
sprochenen Einrichtungen, ist aber für ein
gutes Kirchengeläute die mechanisch korrekte
Führung der Glockenseile und ein richtiger
und sorgfältiger Gebrauch derselben beim
Läuten. Hievon ein anderes Mal. UI.

Moderner Vandalismus.

Eine Grabsteingeschichte aus Wimpfen im Thal.

Du sollst mir folgen, lieber Leser, in jene
überaus anmuthige Gegend, in welcher Wim-
pfen am Berg und Wimpfen im Thal sich
gelagert haben, — zwei Schwestern, von
welchen die eine, stille nnb sinnige sich das
Thal erkoren, die andere kühne und hochge-
muthe aus den: Bergrücken ihr Schloß gebaut
hat ititb in den Fluten des Neckar ihr Antlitz
spiegelt. Bei der bescheideneren Schwester
im Thal kehren wir an. Sie hat schon im
10. Jahrhundert im Weichbild ihres Terri-
toriums ein Gotteshaus und ein von Stille
und Einsamkeit umfriedetes Asyl für Andacht,
Tugend und Wissenschaft gegründet und im
Lause der folgenden Jahrhunderte es verschönt
und vergrößert. Hier liegt er vor uns, der
stolze Kirchenbau, ein Meisterwerk frühgothi-
schen Stils; wegen des Reichthums seiner
Formen und Skulpturen, wegen des harmoni-
schen Zusammenklangs seiner äußern und
innern Verhältnisse könnte er ein aufge-
schlagenes Lehrbuch des frühgothischen Lüils
in Prachtausgabe genannt werden. Ja, fast
schien es eine Zeit lang, als ob an ihn die
ganze Entscheidung der wichtigen Frage über
die Herkunft des gothischen Stils sich an-
heften sollte, und als ob in der seltsamen,
vom Chronisten in Wimpfen über diese Kirche
gegebenen Notiz, sie sei von einem aus Paris
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