Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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gekommenen Steinmetzen opere frandgeno auf-
geführt worden, ein Name für den gothischen
Stil stecke, der zugleich dessen Herkunft und
Vaterland verrathe. Im Jahre 1803 wurde
Kloster und Kirche säkularisirt; 1848 bean-
tragte man die Abbrechung der Kirche, aber
die Regierung versagte die Genehmigung
mit der allerdings nicht aus dein Kunstgebiet
geholten Motivirnng, daß die Kirche einen
Schutz gegen Eisgang und Ueberschwemmung
des Neckars bilde (vgl. Lorent, Wimpfen a./N.,
Stuttgart 1870).

Doch ich beeile mich, dir zii sagen, daß
ich in diesem Augenblick iiicht für diese Kirche
deine Aufmerksamkeit beanspruche. Du möch-
test sonst am Ende versucht fein, den „mo-
dernen Vandalismus" auf den Jnnenzustand
derselben zu beziehen. Dieser ist allerdings
traurig genug, und wenn man über die
Schwelle trirt, glaubt man die Steine reden
und die schmerzliche Klage und Frage einem
entgegenrusen zu hören: wann endlich wird
der Staat st zur rühmlich vollzogenen Restau-
ration des Aeußern auch die des Innern
sügen, dem gesagten A das nothwendig noch
zu sagende B folgen lassen? möge es bald
geschehen, ehe das Verderben vom Innern
ans, in welchem es sich schon bedenklich ein-
genistet, den Bau sammt der geschehenen
Restauration und den verausgabten Geldern
anffresse!

Aber nicht hieran wollen diese Zeilen ge-
mahnen-, die drastische Aufschrift wäre hier
auch nicht an: Platze. Ich muß dich vielmehr
bitten, mit nur den Chor zu umgehen und
durch das Klosterthor in den Kreuzgang ein-
zntreten. Mit dem ersten Schritt über die
Schwelle findest du dich in anderer Welt.
Tn wandelst vorwärts in dem breiten Gang,
und es ist dir, als ob du mit jedem Schritt
nur ein Jahrhundert znrückschreitest. Hier
weht klösterliche Luft; hier webt stiller Friede
der Weltabgeschiedeuheit; und so lebendig
wirst du gemahnt an die klösterliche Ver-
gangenheit dieses Baues, daß du dich gar
nicht verwundern würdest, wenn in: nächsten
Augenblick einer der alten Klosterherren um
die Ecke kommen würde. Klösterlicher sind
wohl nicht viele Klöster angelegt, als dieser
Bau. Sein einziger Schinuck sind die drei
Reihen Fensterbögen mit reichen: Maaßwerk,
in welchen sich der dreiflüglige Krenzgang
gegen den kleinen Jnnenhof öffnet; die Kirche
schließt als vierter Flügel das Kloster, wie
ein mächtiges Bollwerk gegen die Welt ab
und überschattet es mit heiligen: Ernste.
Einige Minuten genügen, um an dieser Stätte
unsere ganze Phantasie mit Bildern des alten

Klosterlebens zu füllen, wo der Propst noch
des geistlichen Ritterstifts Regiment führte,
dessen geistliches Personal ans den Sexprae-
bendarii (so hießen die Inhaber der oberen
sechs Pfründen), den 12 Chorherren und
10 Chorvikaren bestand, wo hier Wissenschaft,
Gebet und Kunst gepflegt und gefördert
wurde, wo die in: Nekrolog von: 13. Jahr-
hundert genannten Bertholdus lapicida und
Conradus sacerdos lapicida an der Vollendung
der Kirche und am Schmuck des Kreüzgangs
arbeiteten, wo die Seelsorge der ganzen
Gegend.

Doch ich muß dich und inich unterbrechen.
Nicht zu solche:: Betrachtungen habe ich dich
hergeführt, sondern um dich zun: Zeugen
anfzurufen wider eine That des modernen
Vandalismus, welche hier geschehen.

Oft pflegte ich in diesen Gängen zu wan-
deln und Erinnerungen an alte Zeiten nach-
znhängen. Die Grabsteine, mit welchen diese
Gänge besetzt waren, belehrten mich, daß
mein Fuß hinschreite über die Gräber der
einstigen Bewohner der Klosters; ihre In-
schriften riefen das Andenken an viele einzelne
wach, deren Namen und einstige Stellung
sie treulich der Nachwelt vermeldeten. Am
Faden ihrer Jahrzahlen und Schriftzeichen
konnte man Reminiszenzen aus vier Jahr-
hunderten, von: 14.—18. Jahrhundert, auf-
reihen. Siehe, hier lagen diese Grabsteine,
wo du jetzt den Boden mit Sandsteinplattei:
neu belegt siehst. Wohin die Grabsteine ge-
kommen? fragst du. Du würdest sie in
Ewigkeit da nicht suchen, wo sie sind; was
mit ihnen geschehen, ist so unglaublich, daß
man es nur seinen eigenen Augen glauben
kann. Dort sieh' hinaus in den Hof; hier
hat man in: vorvorigen Jahr rings um den
Kreuzgang eine Kandel gelegt zur Ableitung
des Wassers, und man hat den Weg quer-
durch den Hof mit Platten eingegrenzt, und
diese Abstußkandel und dieser Plattenweg ist
hergestellt worden. mit diesen Grab-

steinen. Du kannst es nicht glauben? Nimm
Deine eigenen Augen zu Zeugen. Siehe,
hier die Schwelle, über welche du in den
Hof trittst, ist durch einen dieser Grabsteine
gebildet; daneben ist einer mitten entzwei
gehauen, weil man gerade noch dieses Stücks
bedurfte. Hier nrahnt von: Boden herauf
eine Inschrift von 1628: quod es, fui; quod
sum, eris ; quando ? forsan hodie ! Diese 3Nah-
nung hat aber auf den Mann mit dem Kiesel-
herzen, der hier schaltete, so wenig Eindruck
gemacht, als die Drohung, durch welche jener
andere Grabstein von 1618 ihn von seinen:
Vorhaben abzufchrecken suchte: hodie mihi,
cras tibi! Hier klagt der 1463 gestorbene
Jodocus Waller de Sundhem, der die Scheere

st Wimpfen ist großherz, hessisches Enklave.
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