Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 35
DOI Heft: 10.11588/diglit.15862.13
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15862.17
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15862.18
DOI Seite: 10.11588/diglit.15862#0039
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1886/0039
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
ein Vergehen gegen das Eigenthum der
Tobten, ein Vergehen gegen die heiligen
Interessen der Kunst, ein Vergehen am Ma-
terial der Geschichtsforschung! Entschuldigung
ist keine möglich. Wer der Schuldige ist,
kann ich nicht sagen. Wüßte ich ihn, so
würde ich ihn in dieseir Krenzgang vor die
hl. Vehme laden. Wer es auch sein möge,
wir wollen ihm wenigstens in contumaciam
das Urtheil sprechen. Welches soll seine
Strafe sein? Nicht dazu wollen wir ihn
verurtheilen, daß er einst hier geistweise 311
gehen habe durch vier Jahrhunderte, weil er
gegen das Andenken von vier Jahrhunderten
sich verfehlt hat; auch nickt dazu, daß er in
diesem verlassenen Kloster als Mönch sich an-
siedle und den Rest seines Lebens verbringe.
Aber dazu soll er verurtheilt sein, daß er die
Grabsteine wieder unter das schützende Dach
des Kreuzgangs verbringe und so sein Ver-
gehen einigermaßen sühne, bei Vermeidung
von Weiterem! — Kepple r.

Die St. Michaelskapelle in,
Mergentheim.

Von Stadtpfarrer K. Z i m m e r l e.

I. Geschichte der Kapelle.

Wer je einmal die Stadt Mergentheim von
einer Anhöhe überblickt, dem fällt ans der
Südseite der Stadt eine Rotunde mit
ei n em Kup p elb an in die Angen, die sich
im Gottesacker erhebt.

Ein kunstverständiger Mann, Herr Prälat
Dr. Schwarz von Ellwangeu, machte letzten
Winter dahier einen Besuch im Hause eines
Freundes, von wo man einen hübschen Blick
gerade über diesen Stadttheil genießt. Nach-
dem er längere Zeit schweigend am Fenster
gestanden hatte, kehrte er sich um und sprach:
„Ich kann mich nicht trennen von dem An-
blick der Kapelle; ich bin überrascht von diesem
interessanten Bart!"

In der That, es ist ein interessanter
Bau. Während Grundform, Umfassungs-
mauern und Pfeiler romanischen Charakter
tragen, zeigt der erhöhte Mittelbau Motive
der Gothik, während die eingedrückte Kuppel
in Zwiebelgestalt mit der Laterne die Zopf-
zeit darstellt. Schon diese Mischung der
Stilarten weckt daher das Interesse für die
Geschichte der Kapelle, welches sich im ver-
flossenen Jahre 1885 dnrch die Restanrations-
arbeiten noch steigerte, die an der Kapelle
vorgenommen wurden.

Die Grundform der Kapelle ist ein
Sechseck: auf der Westseite befindet sich das
Portal; jede der 5 anderen Seiten enthält
in der Mitte ein Fenster. Das Seitenschiff,

welches rings um den erhöhten Mittelbau
läuft, ist mit einem Pultdach, das sich an
den Mittelbau anlehut, gedeckt. Im Innern
tragen vier große, massige Pfeiler, dnrch Rund-
bogen verbnuden, einen stattlich aufstrebenden,
sechseckigen Kuppelbau, dessen sechs Wand-
slächen mit 6 spätgothischen Fenstern ver-
sehen sind und von einem Kreuzgewölbe in
4 Gewölbekappen überragt werden. Dem Ein-
gang gegenüber zwischen den Pfeilern unter
dem Bogen steht der Altar. Die Kapelle hat
im Inneren einen Durchmesser von 15,5 in
wovon die Grundfläche des Knppelraums
6,35 ■— das ringsnmlansende Seitenschiff
3,55 m einnimmt, der Rest geht ans
die Pfeiler (je 80 Ctr. Tiefe bei 3,84 m
Umfang). Die Pfeiler stehen 2,10 in von
einander entfernt. Der innere Umfang der
Kapelle beträgt 48 in (jedes Sechseck 8 in
Länge), derjenige der Kuppel 21 m. Das
Seitenschiff ist 4 m, die Kuppelwand eben-
falls 4 Meter hoch. Die Außenwände sind
ganz flach gehalten und entbehren jedes
ornamentalen Schmuckes.

Wer ails der Grundaulage der Kapelle
auf ein höheres Alter schließen würde,
würde sich sehr tänschen. Die Kapelle ist
sogar jünger als der Gottesacker, in dem sie
liegt, lieber die Geschichte beider seien hier
diejenigen Nachrichten zusammengestellt, welche
aus dem leider ziemlich magereu Akten-
material des Köngl. Staatsarchivs in Lud-
wigsburg, dessen gefällige Ueberlassnng be-
sonderen Dank verdient, und aus zerstreuten
Notizen der Registratur der Stadtpfarrstelle
Mergentheim gewonnen werden konnten.

Bis zum Jahre 1541 wurden a l l e T o d t e n der
Stadt Mergentheim innerhalb der Stadt-
mauern und zwar, soweit sie nicht in der Stadt-
Pfarrkirche und der Dominikancrkirche selbst beige-
setzt wurden, auf dem Gottesacker begraben, der die
Stadtpfarrkirche umgab und erst zu Anfang
gegenwärtigen Jahrhunderts nivellirt wurde, als
man 1807 die ihn timschließende Mauer abhob.
Auf der Nordseite dieses Gottesackers stand
zwischen Kirche und Hospital eine kleine Kapelle,
die dem hl. Erzengel Michael geweiht war, einen
kousekrirteu Altar hatte und den Namen „Quartal"
oder „Baiuhauß" trug. Alle Sonntage vor Be-
ginn des Hochamts veranstaltete man über den
Gottesacker einen Umgang znr Kapelle mit
Psalmengesang, Gebet und Weihwasser. Die
Kapelle stand noch im vorigen Jahrhundert, wo
sie 1740 der jetzigen Spitalkapelle Platz machte.
Der untere halbrunde Theil an der Chornische
dieser jetzigen Kapelle ist wohl der letzte Nest
des alten Quartal vom hl. Michael.

Zur Anlage eines Gottesackers vor den Mauern
der Stadt gab 1541 eine große Sterblich-
keit Anlaß, in Folge deren auch andere Städte
Frankens z. B. Lauda, Gerolshausen, Ochseufurt,
Friedhöfe vor der Stadt erhielten. Die An-
ordnung der Anlage gieng vom ersten Hoch- und
loading ...