Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 38
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gossen. Eine königliche Mutter reicht mit
seligem Entzücken beide Hände der gekrön-
ten Tochter, welche eben aus dem Grab
hervorsteigt, — eine rührende Schilderung
der Freude des Wiedersehens. In der
Mitte des Bildes unter dem Throne des
Richters und der Mutter sehen wir eine
Gruppe von vier Engeln; einer steht auf-
recht unbeweglich da und hält in der rech-
ten und linken Hand den Beseligungs-
und Verdamnnngssprnch auf eine Rolle
geschrieben; zu seinen Seiten blasen zwei
fliegende Engel die Posaune des Gerichts,
zu seinen Füßen kauert ein vierter am
Boden, oder ans der Wolke, die Hand auf
den Mund gelegt, wie von namenlosem
Schauer und Entsetzen niedergezwungen;
damit will der Meister offenbar sagen: so
groß sind die Schrecken jenes Tages, daß
selbst die Engel in Furcht gesetzt werden.
Darunter walten gewappnete Engel mit
großer Energie des Scheidungsamtes. Oben
aber, zu beiden Seiten des Thrones schwe-
ben Engel- mit den Leidenswerkzeugen und
sitzt der erhabene Senat der Apostel, welche
an dem großen Vorgang regen Antheil
nehmen, theils in tiefem, schmerzlichen Sin-
nen, theils in bestürztem Aufschauen, theils
in lebhafter Unterredung.

Diesem Gerichtsbild, das zu den gewal-
tigsten gehört, welche jemals die Kunst
geschaffen hat und daher alles Studium
des christlichen Malers verdient, ist eine
Darstellung der Hölle beigegeben, etwas,
aber nicht viel erträglicher als das Höllen-
bild in Maria-Novella in Florenz. Hier
hat der Maler wenigstens nicht den Ver-
such gemacht, Zug für Zug die poetische
Zeichnung des Inferno von Dante nach-
zubilden, sondern sich damit begnügt, die
Verdammten in sieben Abtheilnngen unter-
zubringen, klassifizirt nach den sieben Haupt-
sünden. Der Höllenfürst, ein bepanzertes
Ungeheuer, das die Unglücklichen verschlingt,
nimmt auch hier den mittleren Raum ein.
Das Bild wurde stark und schon früh
übermalt, weil die Aufmerksamkeit der
Kinder in besonderer Weise sich ihm zu-
gewendet und ihre Spuren darauf zurück-
gelassen hatte.

Der Meister dieser drei gewaltigen Kom-
positionen ist uns nicht mehr bekannt. Or-
cagna kann es nicht sein, weil seine ganze
künstlerische Art eine andere ist. Man

kann nur sagen, daß slorentinische und
sienesische Kunst im Bunde mit einander
diese Werke schufen. Der sienesische Duk-
tus ist in den Gesichtern, der Anordnung
der Kompositionen, der Anreihung der
Scenen nicht zu verkennen; aber giotteske
Kraft hat hier die Weichheit, Unbeholfen-
heit, Unbestimmtheit der sienesischen Kunst
völlig überwunden und sich zu einer Höhe
dramatischer Schilderung erschwungen, welche
in der ganzen Geschichte der Kunst kaum
noch einigemal erreicht wurde. Man wird
also an einen Meister zu denken haben,
welcher in der Art der Lorenzetti sienesi-
sches und florentinisches Können vereinigte,
wenn man nicht mit Crowe und Caval-
caselle diesen selbst diese Bilder zuthei-
len will. (Schluß folgt.)

Oie neuen Glasgemälde in der
Oeiligkreuzkirche zu Gmünd.

Wir werden immer darauf bedacht fein,
unsere Leser mit besonders hervorragenden
Nenschöpsungen kirchlicher Kunst in und
außer der Diözese durch Wort und wo-
möglich auch durch Bild bekannt zu machen
und bieten ihnen heute eine phototypirte
Nachbildung der Skizzen zu den großen
Glasgemälden, welche in den letzten Jah-
ren in das Schiss der Heiligkreuzkirche zu
Gmünd eingesetzt wurden. Das eine dieser
Fenster wird das Bischofsfenster genannt,
weil es zur Erinnerung an das Priester-
jubiläum des hochwürdigsten Bischofs Karl
Joseph von Hefele von der Stadt gestiftet
wurde und auch sein Bild unten in knieen-
der Stellung zu sehen ist. Der beherr-
schende Gedanke seiner Komposition ist das
Wort des Herrn: ich bin der Weinstock,
ihr seid die Reben, Joh. 15, 5. Der
sich ausrankende Weinstock bildet das ein-
zige ornamentale Motiv des ganzen Ge-
mäldes; sein mit grünem Laub umsponne-
nes, mit reifen Trauben besetztes, schön
emporgeführtes Geäste nimmt oben Kreu-
zesform an und trägt das Opferlamm für-
der Welt Heil; sodann bietet es Steh-
pnnkte für die beiden Zeugen des Kreuzes-
todes, Maria und Johannes, für die vier
Evangelisten, welche die Urkunde vom Lei-
den und Sterben des Herrn absaßten, für
die Kirchenväter und St. Alphons und
St. Thomas von Aqnin, welche die Theo-
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