Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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seiner hl. Mutter erscheint. Die Mensa
des Altares enthält in bunter Mosaik von
Marmor eingelegt das Christogramm und,
als Sinnbilder der armen Seelen, die Taube
mit dem Oelzweig des Friedens. Ein Vor-
hang von schwarzem Seidendamast schützt den
Altar beim hl. Opfer gegen neugierige Blicke;
das Emblem des Todes, der Mohn, kehrt
auf ihm wie auf dem Altartuch und in den
Ornamenten der Kuppel wieder. Sämmt-
liche Marmor arbeiten sind hier wie in
der Spitalkapelle von der sehr empsehlens-
werthen Firma Zwisler und Baumeister in
München besorgt worden. Die Dekora-
tionsmalereien hat Maler Eichhorn hier
sehr befriedigend ansgeführt. Der Todteu-
tanz im Fries und die 6 Genrälde in
der Kuppel stammen von der Hand des
Professor Weiß in Nürnberg. Er hat auch
das Bildwerk im Tympanon über dem
Portal gemeiselt.^) Die Steiuhauer- und
Maurerarbeiten, führte Bauunternehmer X.
Ringler ans, den Beton, mit welchem an
Stelle schlechter Ziegelplatten der Boden be-
legt wurde, fertigte Pfau in Markelsheim.
Drei Grabsteine der alten Zeit wurden an
passenden Orten in die Umfassungsmauer
eingelassen: das des Herrn von Klaudgen,
welches dem Schwanthaler zugeschrieben wird,
das des Geh.-Raths Marstaller und das
älteste, ein originelles Familientableaux, wel-
ches ein einfacher Steinmetz dahier seinem
Vater, der beim Fuhrwerk verunglückt war,
gehauen hat. An den Pfeilern wurden
die Stationen des Kreuzwegs in Oel-
farbdruckbildern zu Lehr und Trost für
Lebendige und Abgestorbene aufgestellt. Die
Glockenseile, welche bisher vor dem Altar
niedergiengen, wurden mittelst Walzen hinter
die Pfeiler verlegt und dort, weil überhaupt
ein ganz neuer Plafond im Seitenschiff
hergestellt werden mußte, auch der Aufgang
zum Dach angebracht. Um die Kapelle für
die Zukunft trocken zu halten, wurde um
dieselbe ein Jsolirgraben geführt und
um das Dach eine Blechtraufe gelegt. Noch
erübrigt zum Abschluß des Ganzei: eine
würdige neue Figur auf die Spitze der
Kuppel; Professor Weiß wird sie in Eisen-
blech ciseliren und entsprechend vergolden.
Die Kosten dieser Restauration be-
laufen sich auf 13 751 Bi. 69 Pf., wovon
9742 aus Joseph Schmitt's Nachlaß und
der Rest aus milden Gaben der Parochianen
bestritten wurden.

Mit dem Bauwesen war Anfangs April

12) Dieses Portal ist neu und wurde an Stelle
des 2theilig angelegten Renaissanceportals roma-
nisch behandelt.

1885 begonnen worden. Am Feste des
hl. Erzengels Michael konnte darin unter
lebhafter Theilnahme und zur Freude der
Gemeinde ein solenes Hochamt mit Leviten
gehalten werden.

II. Der Todtentanz

in der St. Michaelskapelle zu
Mergentheim.

Kaum wird es einen Stofs gebeir, der
gleichmäßig Jahrhunderte lang einer allge-
meinen Popularität unter beit christ-
lichen Völkern sowohl auf der Kanzel als
im Volksdrama, in der bildenden Kunst und
in der Musik sich zu erfreuen gehabt hätte,
als der Todtentanz, d. h. die Personifikation
des Todes, wie er unter die Lebenden un-
erwartet hineintritt und sie hinwegrafst. Was
die Prediger von der Kanzel in erschüt-
ternden Worten vom unerbittlichen Tod ver-
kündeten, das stellte das Volk in Aufzügen
und dramatischen Darstellungen leibhaftig
vor, das besangen die Dichter, das wurde
in Kirchen und Kirchhöfen unzähligemal von
den Künstlern abgebildet, durch Holzschnitte
und Kupferstiche unzähligemal verbreitet und
sogar für großes Orchester als charakteristi-
sches Tongemälde in Musik gesetzt! Italien,
Frankreich, England, Deutschland, Spanien
— sie haben alle ihre mehr oder minder be-
rühmten Todtentänze, die eine umfassende
Literatur bilden.

Wohl gab es zu Anfang unseres
Jahrhunderts eine Geschmacksrich-
tung, welcher die Darstellung des Todes,
wie er in den Todtentänzen erscheint, nicht
mehr behagen wollte. Es paßt ganz zur
faden theologischen Richtung des Herrn von
Wessenberg, daß er das Todtengerippe auch
aus der christlichen Bildnerei verbannt und
einen antiken, schlafähnlichen Genius für ihn
eingeführt wissen tvollte. Mit Recht bemerkt
dazu Wolfgaug Menzel in seiner Symbolik,
2, 497: „Das liegt ganz in der falschen,
sentimental modernen und mit dein heidni-
schen Classicismus kokettirenden Grundan-
schauung"! Die christliche Anschauung
vom Tod hängt wesentlich mit den Todten-
tänzen zusammen. In den Augen des Christen
ist der Tod zwar schrecklich und darum personi-
fizirt der Künstler ihn schon in Kunstwerken des
12. Jahrhunderts als ein mehr oder minder
dürftig in ein Leichentilch gehülltes Gerippe,
aber der Christ fürchtet ihn nicht. Er weiß, daß
der Tod nur den Leib tödtet, der S>eele aber
nichts anhaben kann, ja daß seine allgemeine
Herrschaft sogar bereits gestürzt, der Tod
machtlos geworden ist: „Der Tod selbst

wurde getödtet durch Christus" saug schon
Notker in seinem berühmten Hymnus vom
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