Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 44
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mit den Leidenswerkzeugen und zu Füßen des
Kreuzes einige ans dem Grab Erstehende; nicht
einmal der letztere Zug gehl aufs Gericht, sondern
er symboiisirt die vom Kreuze ausströmende gei-
stige Belebnngskraft, wie auf dem Passionsbild
in Kleincomburg. Ja selbst ein Madonnenbild
von Benvenuto Tisio wird citirt, ans welchem
ein Engel eine Dornenkrone mit dem Schweißtnch
über das schlummernde Kind hält. Was in aller
Welt hat denn das mit dem jüngsten Gericht zu
thun? So wird auch gefaselt, ans dem Blaubenrer
Altar seien die Zeugen des Weltgerichts am ober-
sten Giebel angebracht; dort sind allerdings zwei
Engel mit Leidenswerkzeugen, aber wahrlich
nicht als Gerichtszengen; sie stehen zu beiden
Seiten des Heilands, der aber nicht als Welten-
richter thront, sondern als Mann der Schmerzen
dargestellt ist, zugleich nüt der schmerzhaften Mut-
ter und dem trauernden Johannes; hier ist also,
wie jedes Kind sieht, die Passion kommemorirt,
nicht das Weltgericht.

Am interessantesten ist übrigens, wie der Vers.,
der zu gern auch protestantische Weltgerichtsbilder
vorzeigen würde, über den Abmangel solcher weg-
zuhelfen sucht. Mit List und Gewalt sucht er
eine Reihe von katholischen Werken auf das Ge-
biet der Reformation herüberzuzerren. Er wittert
— horribile dictu! — schon im Weltgericht Gi-
otto's in der Arena „evangelische Typen" (S. 42)!
Sie anfznzeigen unterlässt er wohlweislich. Wo
ein Mönch oder Bischof unter den Verworfenen
sich findet, da regt sich natürlich „der Geist der
Reformation schon Jahrhunderte vor dem Durch-
bruch desselben" (S. 39). Solche Bilder sind
und bleiben geistiges Eigenthum der Reformation.
Daß aus denselben Bildern Päpste, Bischöfe und
Mönche auch unter den Seligen sich finden, wird
gnädig verziehen und übersehen, ja selbst daß
eines dieser „reformatorischen" Bilder (in Wim-
pfen, S. 40) höchst nnreformatorisch Maria gar
zweimal, an der Seite Jesu und an der Spitze der
Heiligen anfführt. Die Sprache des reinen Evan-
geliums aber redet das Gerichtsbild von Michel-
angelo; im Haus der Päpste hat die Refor-
mation ihr Gerichtsbild angebracht, das non
plus ultra aller Gerichtsbilder. Und warum soll
dieses Bild ganz evangelisch sein? Einmal weil
die Madonna hier, was allerdings außer dem
Vers, noch Niemand gesehen haben wird, ihr
Antlitz verhülle und allen Einfluß verloren
habe; gewiß weist Michelangelo der Madonna eine
andere Stelle an als die bisherigen Weltgerichts-
bilder; wenn er sie aber doch noch, und zivar sie
allein, in solche Nähe des Richters bringt, so zeigt
er sich ja darin als recht schlechten evangelischen
Christen. lieber Michelangelo's Christusfigur aber
gerath der Vers, geradezu in Exstase. Das sei
so recht der evangelische Jdealtypns für ein Chri-
stnsbild, hier sei das apollinische Schönheitsideal
verchristlicht. Mitleidig wird S. 58 die mittel-
alterliche Kunst entschuldigt, daß sie nur so man-
gelhafte Typett Christi habe schaffen können. Da
hört denn doch alles vernünftige Denken auf.
Also über Apollo vermag der Berf. sein Ideal-
bild von Christus nicht hinauszuheben! Der Ver-
gleich mit Apollo paßt aber zudem herzlich schlecht

und kann nur auf Eine Linie im Gesicht des
michelangelesken Christus bezogen werden. Wer
wird je behaupten wollen, daß Michelangelo in
dem muskulösen, gewaltigen Leib des eben er-
zürnt aufspringenden Richters ein Bild der Schön-
heit habe geben »vollen! Dies Ideal ist »licht ans
dem Reich der Schönheit, sondern aus dem der
Kraft oder aus der Fechtschule geholt, und wenn
es der Verf. als höchstes Christnsideal anbetet,
so kann man nur Mitleid mit ihm haben. Lächer-
lich ist es auch, wenn der Verf. an dem übrigen
Bild herum symbolisirt und allegorisirt; nicht zur
Bethätignng künstlerischer Virtuosität habe Michel-
angelo die grandiosen Wogen nackter Gestalten
geschaffen, sondern um zu zeigen, daß vor dem
alldnrchdringenden Auge des Richters alle Hüllen
des Geistes fallen, deswegen stehe auch das Leib-
liche in seiner ganzen Hülle da. Derartige Nach-
besserungsversnche sind ganz vergeblich; wenn die-
ses Bild nun einmal das Meisterwerk der Re-
formation sein soll, so muß es der Vers, wenig-
stens nehmen wie es ist und er darf nicht „höchste
ethische Geistesbewegung" aus ihm herausdemon-
striren wollen, während jedes normale Menschen-
auge hier nichts sieht als höchste physische Körper-
bewegung. Zum mindesten hätte er noch ver-
suchen sollen, die Rosenkränze zu reformiren, an
welchen Michelangelo die Seligen einander auf-
ziehen läßt; das ist denn doch ein Schandfleck
für das evangelische Weltgerichtsbild.

Wir »vollen aufrichtig sein: »vir wünschen dein
Büchlein, das freilich eine sehr armselige kunst-
historische Leistung ist, viele Leser auch auf Seite
der Katholiken. Daß irgend Jemand, der ver-
nünftigen Denkens fähig ist, durch die Lektüre
desselben zu schiefen Anschauungen verleitet »verdc,
ist »licht zu befürchten; denn nicht bloß ein katho-
lischer Leser, sondern auch jeder anständige Pro-
testant muß angelvidert »verden von der ebenso
erbärmlichen als kölnischen Proselytenmacherei,
welche der Vers, auf dem Gebiet vergangener
Jahrhunderte treibt. Aber die Erkenntnis; könnte
durch die Lektüre des Schriftchens verbreitet wer-
den, daß »vir Katholiken wahrlich alle Ursache
haben, protestantischen Forschern von solcher Art
dieses Gebiet nicht zu überlassen, welches unser
Eigenthnm ist und der Grundbesitz unserer Kirche
im Lande der Ktmst, gegen dessen Zerstampfung
und Zertvühlung durch so ungeschlachte Füße
»vir uns energisch ivehren müssen. Blinder Eifer,
das möge der Vers, für die Zukunft sich merken,
ist der Vater von Thorheiten und Bornirtheiten;
sein Kind ist auch der köstliche Anachronisinus,
der jeden Leser zur Heiterkeit stimmen »vird, S.
18 f.: „im 15. Jahrh. lvurden auch Altäre mit
Weltgerichtsbildern geschmückt, und zivar Sciten-
altäre mit dc»n ganzen Bild an der Vorderseite,
Hauptaltäre aber an der Rückseite, damit die
Blicke der Abendinahlsempfänger da-
r a u f fielen, wenn sic von der B r v t s e i t e
desAltarsnachderKelchseitegienge n"!!

K e p p l e r.

Hiezu eine Beilage:

die neuen Glasgemälde der Heiligkreuzkirche in
Gmünd.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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