Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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ten Banner gegen die Heiden zu Feld und
besiegt sie; er stirbt des Martertodes. Was
von den Bildern noch zu erkennen ist, be-
weist eine gute Gabe, frisch und lebendig
zn erzählen. In der Ausfassung tiefer
und in der Durchführung dramatisch packen-
der sind die folgenden Darstellungen ans
der Geschichte Hiobs: das Fest, wel-
ches er mit seinen Kindern feiert und
welches das Ende seines in Gottesfurcht
frohen Lebens bedeutet, die Audienz Sa-
tans vor Jehova, welche seine Heimsuchung
einleitet, der Einfall der Räuber, die Er-
mordung seiner Söhne, die Zerstörung
seines Eigenthnms, seine furchtbare Krank-
heit und die Wiederversetznng ins vorige
Glück. Diese leider ebenfalls stark be-
schädigten Bilder stammen wahrscheinlich
von Francesco da Bolterra (1370) aus
der Schule Giotto's.

Derselben Schule und zwar dem Pietro
di Puccio (seit 1390) gehören auf der
Nordwand die Bilder ans der Genesis an:
die Erschaffung der Welt und des Men-
schen, die Versuchung, Austreibung aus
dem Paradies, Kain und Abel, die Sünd-
stut. Die Schilderungen sind ernst und
würdig, von technischer Fertigkeit; feinere
Durchbildung fehlt ihnen. Beachtung ver-
dient die Darstellung der Erschaffung des
Weltalls. Den Moment des Erschasfens zu
siriren, getraute sich der Meister nicht; er
gibt vielmehr das Bild des Schöpfers und
Herrn des Weltalls in einer Kolossalfigur;
mit den Händen hält Gottvater eine große
Scheibe mit den koncentrischen Himmels-
sphären (Mappamondo genannt), welche
seinen Körper fast ganz zudeckt. Die Dar-
stellung ist originell und imposant, obwohl
das Antlitz des Schöpfers nicht die ge-
bührende Hoheit und Würde zeigt. Unten
sind die Gestalten von St. Thomas und
Augustin angebracht; beide haben wohl hier
als Kommentatoren der Genesis einen Platz
gesunden.

Herrscht hier noch ganz der Geist giot-
tesker Malerei, so führen die weiteren Bil-
der aus dem Alten Testament, die 24 großen
Gemälde von Noe's Weinlese an bis zum
Besuch der Königin von Saba bei Salomo
schon in eine neue Zeit. Sie wurden 1496
begonnen und in 14 Jahren von Benozzo
Gozzoli, einem Schüler Fiesole's, gemalt.
Zweifellos haben diese Bilder entzückende

Partieeu, einen Wohlklang der Formen
und eine geistreiche Heiterkeit der Auffas-
sung, welche hinreißt. Sie sind so recht
aus dem italienischen Leben- genommen und
strahlen dessen heitern Glanz und Froh-
sinn aus. Prächtige Gärten und Land-
schaften bilden abwechselnd mit reicher und
flotter Architektur die Hintergründe, und
in den Scenen sprudelt eine Lust am Le-
beu, welche sich nicht genugthun kann und
immer Neues und Reizenderes finden und
zu erfinden weiß. Aber Einen Vorwurf
muß man allerdings gegen sie erheben, daß
das religiöse Moment durch eben diese
Lebenslust fast ganz verflüchtigt ist. Das
richtige Verhältniß zwischen Zweck und
Mittel fängt hier schon an, sich zu verrücken.
Die Nachbildung der Natur und Wirklich-
keit ist nicht mehr Mittel, um religiöse Ge-
danken zu versinnlichen, religiöse Empfin-
dungen und Gefühle zu wecken; die religiösen
Themate sind vielmehr als Gelegenheiten
und Anlässe ausgenutzt, um zu schwelgen
in den Erscheinungen des wirklichen Lebens
und seine Kraft in ihrer Nachbildung zu
erproben. Das ist Unrecht und Miß-
brauch ; denn die Kirche kann und muß
von der Kunst verlangen, daß, wenn sie
ihrer Räume und ihrer Ideen sich bedient,
sie auch in ihrem Geist und Sinn diese
Räume und Ideen behandle.

g) Wir können nicht glauben, daß die
Gemälde, welche die Wände des Campo-
santo füllen, rein zufällig sich in dieser
Weise aneinandergefügt haben. Unbestreit-
bare Thatsache ist, daß die Innenwände
schon auf dem Plane und beim Bau für
die Malerei bestimmt waren; deswegen ist
von jeder architektonischen Gliederung und
Unterbrechung der Flächen abgesehen. Da-
her ist auch mehr als wahrscheinlich, daß
von Anfang an für die Bemalung dieser
Wände ein fester Plan entworfen wurde
bezüglich der Raumeintheilung und der
Wahl der Stoffe. Wenn auch nachweis-
bar einzelne Gemälde aus Privatstiftungen
hergestellt wurden, so hat man doch sicher
den Privaten die Bestimmung des Themas
keineswegs ganz freigelassen, sie hatten sich
vielmehr dem Plane zu fügen.

Solch planmäßiges Vorgehen ist zum
Voraus anzunehmen; es läßt sich auch an
den vorhandenen Bildern nachdemonstriren.
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