Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 53
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Wenn Kreuzestod, Auferstehung und Him-
melfahrt des Erlösers an dieser Ruhestätte
der im Herrn gestorbenen Christen sich
dargestellt finden, so bedürfen diese Ob-
jekte keiner besonderen Motivirung; diese
Bilder bringen das Sterben des Christen
in Zusammenhang mit dem Sterben Christi
und sie weisen hin auf die ganze Fülle
von Trost und Hoffnung, welche das Ster-
ben im Herrn und mit dem Herrn ver-
klärt; sie reden von einem Triumph des
Todes, welcher in Triumph über den Tod
und in Sieg über Grab und Hölle um-
schlägt.

Kommt hier der Trost des Todes nach
christlicher Auffassung zu seinem Recht, so
reden die folgenden Bilder vom Ernst des
Todes. Der trionko della morte ist ein
mächtiges Memento mori, eine christliche
Büßpredigt über die Hinfälligkeit des Men-
schenlebens, die Thorheit der Weltlust und
die Kunst eines guten Todes; mit den
zwei folgenden Darstellungen, Gericht und
Hölle, zusammengenommen gemahnt es in
erschütternder Sprache an die letzten Dinge.
Wenn dann auf den folgenden Bildern
das Leben der hl. Einsiedler geschildert ist,
so ist das nur eine weitere Ausführung
und Ausgestaltung der kleinen Einsiedler-
Episode im „Triumph des Todes" und sie
hat im Bildereyklus dieselbe Bedeutung
wie jene Episode in dem genannten Bild;
es will gelehrt werden, durch welches Le-
ben man sich richtig auf den Tod vorbe-
reite. Die Darstellungen ans dem Leben
der pisanischen Stadtheiligen sollen die
Gläubigen von Pisa an ihre speziellen
Patrone und Vorbilder gemahnen. So
herrscht in diesem gemalten Unterricht ein
schöner Fortschritt der Gedanken; zuerst
wird der christliche Standpunkt gegeben,
von welchem aus Leiden, Tod und Grab
angesehen werden sollen (Kreuzigung, Aufer-
stehung, Himmelfahrt); dann soll das Ge-
müth erschüttert, mit heilsamer Furcht vor
den letzten Dingen ergriffen und aus irdi-
schem Sinnen und Trachten herausgerissen
werden (Triumph des Todes, Gericht,
Hölle); hierauf wird der Wille bearbeitet
und der Vorsatz zu einem wahrhaft christ-
lichen gottgeweihten Leben angeregt.

Die Geschichte Hiobs hier zu treffen,
wird uns nicht befremden, an dieser Heimats-
nnd Siegesstätte menschlichen Elends und

Siechthums; der Gedanke an die Hinfäl-
ligkeit des Menschendaseins, welchen der
Triumph des Todes ausspricht, wird hier
ins irdische Leben hereinverfolgt, zugleich
aber mit Trost und kräftiger Ermunterung
zu Geduld und Standhaftigkeit ausgestattet.
Die alttestamentlichen Bilder endlich sind
insofern am Platze, als sie den Anfang
des Lebens der Menschen auf Erden
zur Anschauung bringen, dessen Ende hier
ins Grab einmündet; aber auch der An-
fang und die Ursache des Todes wird hier-
vor Augen gestellt im Sündenfall und im
ersten Tod, welcher mit Bruderblut die
Erde röthet, und in dem großen Sterben
der Sündflut, welches die Schlechtigkeit
der Menschen über die Welt bringt. Wir
haben also hier ein kurzes Resume der
ganzen Geschichte der Menschheit von der
Wiege zum Grab, vom Paradies zum
Weltgericht. Erschaffen für die Glorie
des Himmels, verfällt der Mensch der
Sklaverei des Todes; der Tod beendet
nicht bloß, oft vorschnell, sein Leben, er
durchfrißt mit seinem Verwesungsgist die-
ses ganze Erdenleben (Hiob), von der
Sünde hat er sein Gift und seine Herr-
schaft, der nichts widerstehen kann; aber
Ein Tod brach die Gewalt des Todes, der
Tod am Kreuze; nun ist er zwar immer-
noch zu fürchten, aber sobald man ihn
fürchtet in christlichem Sinn und Geist,
verliert er das Furchtbare und eigentlich
Verderbliche und führt er wieder zum ur-
sprünglichen Heil, zur Himmelsglorie hin;
das ist die Theologie und Philosophie des
Todes, welche den Inhalt dieser figura-
tiven Predigt bildet.

Was die 24 alttestamentlichen Bilder
von Benozzo Gozzoli anlangt, so will ich
von diesen viel später ausgeführten Bil-
dern nicht behaupten, daß sie ihrem Vor-
wurf nach schon ursprünglich in den Bil-
derkreis ausgenommen gewesen; ich möchte
vielmehr glauben, daß ganz andere, dem
Thema vom Tod verwandtere Bilder des
Alten Testaments als Fortsetzung auser-
sehen waren. Die Zeit, in welcher diese
späteren Bilder ausgeführt wurden, hatte
aber die Gewissenhaftigkeit und Gedanken-
strenge in Einhaltung und Durchführung
socher Pläne abgelegt und Benozzo trug
vielleicht kein Bedenken, den Ring des ur-
sprünglichen Entwurfs zu durchbrechen
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