Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 55
DOI Heft: 10.11588/diglit.15862.24
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15862.27
DOI Seite: 10.11588/diglit.15862#0059
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1886/0059
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
55

Den Triumph des Todes könnte man
das dritte Bild nennen. Großartig in seiner
Komposition zeigt es den großen Sieg des To-
des über das ganze sündenbeladene menschliche
Geschlecht in der Sündflut. Der Tod steht
triumphirend mitten in der Scene ans dem Fun-
dament eines Götzentempels und fegt grin-
send die letzten Trümmer sündhafter Lust, Macht
und Ehre in die schäumenden Wasser, die den
Sieger Tod rings umgeben und in denen Men-
schen und Thiere mit einander um ihr Leben im
Tode ringen. Unter dem Fußtritt des Todes
bricht das letzte Götzenbild des Tempels zusam-
men. Auf der einen Seite stürzen Säulen und
Mauern ein und begraben Jene, die sie angst-
voll umklammern, während ans der anderen um-
sonst Wächter in die Posaunen stoßen, um das
Mitleid jener ans sich zu ziehen, welche im Hin-
tergrund in der Arche unter dem Schutze eines
Engels über den Wogen dahingleiten. Unter
dem Bild steht der Strafantrag aus Oen. 6, 3:
„Nicht soll mein Geist in dem Menschen bleiben
für immer, da er Fleisch ist."

Auf dem vierten Bilde wird der Untergang
der sündhaften Städte Sodoma und Gomorrha
dargestcllt. Der Tod erscheint als Racheengel
Gottes und schleudert brennende Fackeln in die
Stadt, über welche Feuer und Schwefel nieder-
regnen, während Pot mit den Seinigen ans der
Mitte der Gottlosen eilends davon flieht.

Der Geschichte des Volkes Gottes unter Moses
sind zwei Bilder, das fünfte und sechste, entnom-
men. In jenem wird die Strafe des T o d e s der
Erstgeburt in Egypten veranschaulicht. Es ist
ein höchst gelungenes Bild, ein historisches Ge-
mälde im vollen Sinne, sofern die ganze Dar-
stellung mit historischer Treue und mit dem Fleiße
eines Staffeleibildes ausgeführt ist. Wenn irgend-
wo wünscht der Beschauer an dieser Stelle, die
Mittel möchten es erlauben, die Fenster der
Kapelle unter dem Bildcrcyclus etwa mit Grisail-
glas zu schmücken, um das blendende Licht zu
brechen. Die ergreifende Scene spielt bei Nacht
im Palast des Königs Pharao. Im Mittelgrund
liegt der Erstgeborene des Königs dem Tode nahe
ans dem Lager hingestreckt. Rathlos sitzen daneben
die Mutter und der Arzt. Ans der einen Seite
liegt ein Götzendiener vor dem Bild des Apis
und bringt Ranchwerk dar, auf der anderen aber
steht entsetzt der König und winkt mit heftigen
Zeichen Moses und Aaron, daß sie sich entfernen.
Hier schweift der Blick aus dem Palast hinaus
ans Meer, an welchem die Israeliten ihre Zelte
haben; dort aber sieht man in das Innere der
Stadt, in dessen Straßen ein dräuendes Volk sich
drängt. Der Tod aber sitzt als Bogen-
schütze auf einem Gesimse des Gemaches und
schleudert seine tödtlichen Pfeile hinab auf die
Menge. Das folgende Bild versetzt den Beschauer
in die Wüste: das Volk Israel wird vom Würg-
engel des Todes zur Strafe für seine Auf-
lehnung gezüchtigt. Der Tod öffnet die Klüfte
der Erde, aus denen Schlangen hervoreilen und
die widerspenstigen Juden umringeln; Moses
weist auf die eherne Schlange hin, welche am
Holze aufgerichtet denen Rettung bringt, die zu
ihr aufschauen.

In die Geschichte Davids führt das siebente
Bild. Der Prophet Nathan zeigt in der einen Bild-
hälfte dem von Jammer und Verzweiflung ob
der Todesgefahr seines Sohnes gebeugten König
in dem Mord des Urias die Ursache des Todes
seines Sohnes, dieser Frucht seines Frevels. In
der anderen Bildhälfte steht der Tod, als
Bote Gottes dargestellt, bereits am Sterbebett
des Knaben und hat ihn am Arme gefaßt, um
ihn hinwegzuführen. Vom Schmerz überwältigt
sitzt Bersabe zur anderen Seite des Sterbebettes.
Unter dem Bilde stehen die Textworte 1 Kön.
12, l4: „Weil du durch deine That die Feinde
des Herrn hast lästern machen, soll dein Sohn
sterben."

Eines der schauerlichsten Strafgerichte Gottes
durch den Tod an dem von Gott abtrünnigen
Reiche Israel behandeln die folgenden zwei Bilder:
den Tod des König Achab das eine, den
Tod der Jezabel, seines Weibes, das andere.
Dem königlichen Räuber des Weinbergs des
armen Nabot hatte Elias der Prophet angekündet:
„So spricht der Herr: du hast gemordet und un-
gerechtes Gut an dich gerissen. An eben der
Stelle, wo die Hunde Nabots Blut geleckt haben,
werden sie auch dein Blut lecken; Jezabel aber
wird von den Hunden gefressen werden im Gefilde
Jezrahel!" 3 Kön. 21, 19. Den Vollzug dieser
Strafsentenz stellen die beiden Bilder dar. Im
einen befinden wir uns mitten in tvilder Feld-
schlacht: der König Achab von Israel fährt ver-
kleidet in seinem Schlachtwagen dahin und wird
unversehens vom Pfeile eines Syrers getroffen.
Von hinten tritt der Tod als göttlicher
Herold an ihn heran und ruft ihm die Worte
des Propheten ins Ohr, wobei er seinen knöchernen
Arm zu der Höhe des Berges erhebt, ans dem
lauernd die Hunde harren. Das andere Bild
stellt die Erzählung 4 Kön. 9, 31—34 dar. Jehu,
König von Israel, zieht auf prächtigem Roß in
der Stadt Jezrahel ein. Die Königin hatte ihre
Augen geschminkt und ihr Antlitz geschmückt, um
des Königs Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Dieser aber, als er hörte, wer das Weib sei, die
von ihren Hofleuten umgeben, zum Fenster herab-
sah, gab diesen den Befehl: „stürzet sie herab".
Seiner Beute sicher sitzt in dem Bild d e.r Tod
lauernd auf der Bank anr Fuße des Thnrmes
und harrt auf das fallende Weib, schon eilen die
Hunde heulend um die Ecke.

Ein ergreifendes Bild voll dramatischer Hand-
lung ist das zehnte Gemälde: der Untergang
Jerusalems. Im Mittelgrund breitet sich die
Stadt aus; d er T o d schwebt wie ein fliegen-
des Gespenst an den Mauern. Als Gerichts-
Vollstrecker Gottes erscheint er mit der Posaune
des Gerichtes, und während er mit der einen
Hand das Signal zum Sturme bläst, schleudert
er mit der andern Hand die Brandfackel in die
von Gott verworfene, abgöttische Stadt. Zur
Linken werden die kostbaren Gefässe des Tempels
als Siegesbeute auf Wagen geladen, zur Rechten
wird „die Tochter Sion" mit ihren Kindern weg-
geschleppt. Verzweifelnd liegt ein Weib, die Hände
ringend, am Boden, während ein Soldat über ihr
knieet und sie des Schmucks der Haare beraubt,
um sie zur Sklavin zu machen.
loading ...