Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 56
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Mit dem elften Bild stehen wir an der Schwelle
des Neuen Testamentes: der Kindermord z n
Bethlehem. Wie eine Zeuge der vor Jahr-
hunderten geschehenen Prophezeiung
dieser Blutthat ist der Tod in die Mitte der
Scene zwischen die Häscher und Weiber mit ihren
Kindern hineingestellt. Es ist, als halte er das
Buch des Propheten Jeremias in der Hand und
lese daraus die prophetischen Worte: „Eine

Stimme in Rama ward gehört, Weinen und viel
Klage — Rachel, die beweinet ihre Kinder und
sich nicht trösten läßt, weil sie nicht mehr sind."
Matth. 2, 18. Während aber das Schwert des
Tyrannen Herodes unter den Kindern wüthet,
enteilt im Hintergrund des Bildes der gesuchte
neue König von Israel sicher ans den Armen
seiner jungfräulichen Mutter und unter der Hut
des hl. Joseph nach Egypten.

Den Tod dieses ehrwürdigen Pat-
riarchen Joseph führt uns das zwölfte Bild
vor Augen. Jedem, der es aufmerksam betrachtet,
muß sofort der ganz veränderte Charakter
auffallen, den der Maler der Hauptfigur, dem
Tod, verliehen hat, um ans höchst glückliche
künstlerische Weise die verschiedene Bedeutung des
Todes im Alten und Neuen Bund zum Ausdruck
zn bringen. Dort verbreitet er nur Schrecken; hier
aber im Hans zn Nazareth und am Sterbebett
des Christen steht er als schüchterner Mahner
unter der Thüre und verkündet mit der abge-
laufenen Sanduhr in der knöchernen Hand dem
treuen Arbeiter, daß die Stunde gekommen ist,
wo er den Lohn empfängt nach seiner Arbeit.
Frieden- und würdevoll liegt der Zimmermann
Joseph ans seinem Sterbelager zwischen Jesus
und Maria, die segnend und betend zu seinen
Häuptcn sich befinden; gegenüber dem Sterbenden
aber schweben ans leuchtender Bahn Schaaren
von Engeln mit Palmzweigen ihm entgegen, um
seine Seele abzuholen bei ihrem seligen Scheiden.
Ausgebraucht steht das Handwerkszeug des ehr-
samen Zimmermanns zur Seite des Lagers,
unter dem Bild aber liest man die tröstlichen
Worte: „Selig sind die Todten, die im Herrn
sterben; sie ruhen aus von ihrer Arbeit und ihre
Werke folgen ihnen nach." Off. 14, 13. Möchte,
wünscht unwillkürlich der Beschauer des wohl-
thuenden Bildes, mein Ende dem seinigen gleichen;
möchte meine Seele zwischen Jesus und Maria
ausziehen aus dem Kerker des Todes! Ganz
besonders bei diesem Bilde verräth Professor
Weiß seine geistige Verwandtschaft mit d er Kunst-
schule der Benediktiner von Benron,
die sich durch ihre Leistungen auf Monte Cassino
einen europäischen Ruf verschafft haben. Wer
die Kapelle von St. Maurus im oberen Donau-
thal gesehen hat, der wird sich bei dem Anblick
des sterbenden Joseph an die Marmorstatue er-
innern, die dort vom Ordensstifter Benediktas
P. Desiderius Lenz gefertigt hat. Lenz, das geistige
Haupt der^ Beuroner Künstlerschule, war unserem
Tobias Weiß schon befreundet zur Zeit ihres
Schaffens und Strebens in Nürnberg. Gestalten,
die den Typus eines geistigen Stammvaters für
Jahrhunderte tragen, wie jener Benedikt und
dieser Joseph, vergißt man nicht leicht wieder:

Kraft, Würde und Adel sind in ihren Zügen
vereinigt. (Schluß folgt.)

Literatur.

Stillehre der architektonischen For-
men des Mittelalters. Im Auftrag
des k. k. Ministeriums für Kultus und
Unterricht versaßt von Alois Hauser,
Architekt, k. k. Professor. Wien, Holder,
1884. 130 S. Preis: 2 Mk.

Diese Stillehre übertrifft alle mir bekannten
Leitfäden, Katechismen und Handbücher, welche
die erste Einführung in die Kcnntniß der Stile
sich zur Aufgabe gesetzt haben. Es ist bekannt-
lich leichter, eine dickleibige Kunstgeschichte zn ver-
fassen, in welcher der Schwerpunkt in die veskrip-
tive Vorführung möglichst vieler Kunstwerke fällt,
als ans wenigen Seiten die mittelalterlichen ^tile
so charakterisiren, daß das Hauptwesen derselben
zum Bewußtsein gebracht und zugleich an den
nöthigcn Beispielen und Illustrationen vordemon-
strirt wird. Der Meister zeigt sich hier nicht nur
in der Beschränkung, sondern vor allem in der
völligen Klarheit seiner Begriffe und Worte. Der
Vers, der obigen Stillehre hat mit großem Scharf-
blick seinen Stoff znrechtgerichtet und vertheilt.
Er bespricht in diesem Bündchen die Bauformen
des altchristlichen, byzantinischen, romanischen und
gothischen Stils. Die Art, wie er zuerst das
Wichtigste, die konstruktive Seite jedes Stils ins
Licht setzt, dann die Variationen, welche der Stil
(nach der konstruktiven Seite hin) in den ver-
schiedenen Ländern erlebt (italienischer, französi-
scher, englischer, deutscher romanischer und gothi-
scher Stil), vorführt, hierauf die Gestaltung der
einzelnen Theile des Bau's und schließlich das
Ornament zur Darstellung bringt, ist durchaus
zu loben; die Beispiele sind nicht spärlich, aber
auch nicht in planloser Fülle eingestreut; sie wer-
den in Gruppen gesammelt und je für eine Hanpt-
phase in der Stilentwicklung Ein Paradigma her-
vorgehoben. Die klare, der Knnstphraseologie
möglichst entkleidete Sprache im Bund mit 115
guten Illustrationen vermag so in der Thal, dem
Anfänger auf 300 Seiten feste Stilbegriffe bei-
zubringen.

Die Bauverwaltung des Domes in
Thailand

schreibt eine internationale Preiskonkurrenz für
die neue Fayade am Mailänder Dom aus. Der
Preis für das beste Projekt beläuft sich auf
40000 Frcs. Weiter werden gegeben 3 Prämien
a 5000, 3 von je 3000 und die übrigen von je
2000 Fr. Die Programme und die Tafeln (6
Illustrationen) sind zn haben bei U. Hoepli, Hof-
u. Jnstitutshuchhändler in Mailand, zum Preise
von 4 M.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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