Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

Seite: 57
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Archiv für christliche Aunst.

Mrgan des Rottenburger Diözesan-Vereins für christliche Runst.

perausgegeben und redigirt von Professor Dr. Keppler in Tübingen.

Perlag des Rottenburger Diözefan-Runftvereins, für denfelbeu: der Porftand Professor Or. Reppler.

Or. 6.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährl. für M. 2. 05 durch die württemb. (M. i. 90
iin Stuttg. Bestellbezirk), M. 2. 20 durch die bayerischen und die Reichspostanstalten,
fl. 1. 27 in Oesterreich, Frcs. 3. 40 in der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden
auch angcnsmmen von allen Buchhandlungen, sowie gegen Einsendung des Betrags
direkt von der Expedition des „Deutschen Bolksblatts" in Stuttgart, Urbansstraße 94
zum Preise von M. 2. 05 halbjährlich.

1886.

Grammatik der kirchlichen
Baukunst.

Von Joseph Prill.

(Fortsetzung.)

3. G run d ri ß anl ag e im Mittel-
alte r.

Die mittelalterliche Kunst brach nicht
mit den überlieferten Formen der altchrist-
lichen Zeit, sondern bildete sie ihren eige-
nen Mitteln, Bedürfnissen und Anschauun-
gen gemäß weiter
ans und brachte die
in den letztgenann-
ten byzantinischen
Bauten zu unklarer
Darstellung gekom-
menen Gedallken zur
vollen klaren Ent-
faltung. Im We-
sentlichen nahm sie
die Basilikenform
wieder zum Aus-
gangspunkte , ver-
band aber mit ihr
die durchgebildete
Kreuzform der By-
zantiner zu einem
Ganzen von vollen-
deter Harmonie.
Die Basilika bestand
aus dem geteilten

(Nach Bock, Baudcnkmalc.) LaNghgNs Ulld der

dem Mittelschiff angelehnten Absis, vor welche
sich oft ein Querbau schob. Im romanischen
und gothischen Stil wurde nun stets, wie
es in den byzantinischen Bauten schon ge-
schehen war, vor die Absis ein Chor-
quadrat eingefchoben, sodaß ein förmlicher
oberer Krenzarm entstand. Dann wurde,
namentlich im Gewölbeban, das Querschisf
mit dem Chor und dem Hauptschiff des
Langhauses in möglichste Uebereinstimmung
und Verbindung gebracht: und die Ver-

schmelzung des organisch gebildeten Kreu-
zes mit der Basilika war vollendet. Der
untere Balken des Kreuzes war aber bei
dieser Gestaltung länger als die drei an-
deren und ergab die Form des sog. latei-
n i s ch e n Kreuzes. Das ist die Grund-
form für fast alle größeren Kirchenbanten
des Mittelalters.

Wo indessen der byzantinische Einfluß
herrschend war, kommen auch noch ganz
und gar byzantinische Anlagen vor, wie
die berühmte und
durch Abbildun-
gen genugsam
bekannte Mar-
kuskirche zu Ve-
nedig, welche im
Wesentlichen der
Grundrißsorm
der Apostelkirche
zu Konstantino-
pel (Fig. 69) sich
anschließt, —

oder die fast den-
selben Plan anf-
weisende Kirche
Lk. illronk zu
Perigneur im
südlichen Frank-
reich (Ende des
10. Jahrhun-
derts.) Eine sehr
eigenartige by- ö'8. Kkrche zu Faurndau.

zantinisch-romanische Centralanlage, wel-
cher nachher eine westliche Verlängerung
angehängt wurde, ist die kleine Doppel-
kirche zu Schwarzrheindorf bei Bonn, deren
unteren Grundriß Fig. 73 wiedergibt.

Was nun die Basilikenanlage im Be-
sonderen angeht, so wird zunächst die im
Alterthum gebräuchliche Proportion der
Sänlenstellnngen gänzlich ausgegeben, die
Säulen rücken weiter auseinander und
werden untereinander immer nur durch
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