Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 4.1886

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zwei gegenüberliegende Chöre hat. In
Fig. 77 legt sich dagegen ein großer Thurm
vor, welcher den Haupteingang enthält,
während zwei kleine Thürmchen in den
Winkeln zwischen Chor und Kreuzflügeln
stehen. (Fortsetzung folgt.)

StuMen über Elastik.

Von Pfarrer Festing in Pnllach.

Italien. 11.—13. Jahrhundert.

In Italien blieb bisher die bildende
Kunst hinter den Leistungen in Deutsch-
land und Frankreich ziemlich weit zurück.
Seit dem Beginne des 12. Jahrhunderts
regte sich auch dort der künstlerische Schaffens-
drang und zwar am kräftigsten in dem dem
klassischen Boden der Antike ferneren
und dem anregenden Einflüsse aus Norden
zunächstliegenden Oberitalien.

Für die ältesten Werke werden meist die
Portalskulpturen von der Hand des Meisters
Nicolaus und Wiligelmus am Dome zu
Modena (begonnen im Jahre 1099) an-
gesehen. Der figürliche Theil, Schöpfungs-
geschichte , Thaten und Tod des Königs
Artus, Apostelgestalten, ist noch ungeschickt
in Bewegung und Ausdruck, während das
Ornament reizende Arabesken und Ranken
mit kämpfenden Löwen, Drachen, Sirenen
und andern Fabelwesen von seiner lebens-
voller Zeichnung aufweist. Von derselben
Art, aber schon besser in der Komposition,
sind die Steinbilder von St. Zeno in
Verona von denselben Meistern, Dar-
stellungen der Schöpfungsgeschichte, der
Theodorichsage und der Monate. Das
große Portal des Domes derselben Stadt
ist ebenfalls mit reichem Figurenschmuck
ausgestattet: im Tympanon als Hauptfigur
die thronende Madonna, rechts daneben die
Geburt Christi; links die 3 Weisen, die
zu Pferde ankommen, am Bogen die Sym-
bole der Evangelisten; an den Thürpfosten
Propheten mit Spruchbändern, und im
Thürsturz die Brustbilder Fides, Spes und
Charitas; alles wieder mehr byzantinisch
steif. Noch einmal begegnet uns der Meister
Nicolaus als Fertiger der Reliefbilder an:
Dome zu Ferrara im Jahre '1135.

Als Charakteristikum dieser italienischen
Kunstepoche treten uns die beliebten Thor-
wächter und Säulenträger der Hauptportale,
gewaltige Löwengestalten, entgegen. Sie

zeigen — in: Gegensätze zu andern Thier-
siguren — eine heraldisch strenge Zeich-
nung , haben zuweilen gewaltige Flügel,
der zu Verona auch noch zwei Räder am
Hinterleibe (symbolische Andeutung an
Ezechiel I, 6 ::. 15?) und selbst noch andere
Thiere, Drachen, Stiere unter den Füßen.

Durch fortgeschrittene Zierlichkeit zeichnen
sich die Skulpturen des Domes zu Parma
von Benedetto Antelami vom Ende des
12. Jahrhunderts —das älteste (von 1178)
eine Kreuzabnahme in einer Seitenkapelle
— aus, während jene des Bildhauers Ansel-
mus von der Porta Romana in M a i l a nd
(von 1170), welche den festlichen Einzug
der Bürger in die nach der Zerstörung
durch Barbarossa neu erbaute Stadt dar-
stelleu, wieder roh und ungeschickt erschei-
nen. Die dekorativen Sachen an der
Kanzel in St. Ambrogio sind ein Produkt
der lebhaften Phantastik jener Epoche. Der
Zeit um etwa 1200 gehören au die acht in
Lebensgröße aus rothem Marmor gemeißel-
ten Apostel in einem Seitenschiffe des Domes
zu Mailand von erhabener Kraft der Hal-
tung und vornehmen: Wurf der Gewandung.
Die Skulpturen am Dome zu P a v i a
und Piaceuza, 1122 begonnen, sind
noch ungeschickt; sinnig verwendete der
Meister an letzterem als Träger der Thür-
pfosten die Gestalten der christl. Tugenden.
Die späteren Reliefbilder an dem Taufsteine
in S. Giovanni in Fonte, Verkündigung,
Heimsuchung, Geburt Christi, Kindermord,
Flucht nach Aegypten, Dreikönige, Tanfe im
Jordan, ahmen die Vorzüge der Antike
in ihrem sicher durchgebildeten Stile glück-
lich nach.

Das Baptisterium zu Parma bietet
das bedeutendste Monument der plastischen
Kunst jener Epoche. Nach der Inschrift
am nördlichen Portal hat es ein Meister
Benedictus (Benedetto Antelami?) 1196
begonnen. Den ganzen Bau umzieht eine
Reihe von Medaillons mit frei und ver-
ständnißvoll behandelten Bildern: Hahn,
Ente, Gans, Skorpion, Centauren und
Anderes, die Welt der unter dem Men-
schen stehenden Kreaturen vorführend.
Die Portale besonders sind mit reichem
ikonographischem und erzählendem Bilder-
schmuck versehen. So predigt das West-
portal durch seine 3 Hauptgruppen klar
und deutlich die Bestimmung der Kirche.
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